Der Iran zwischen Unterdrückung, Kooption und Krieg

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Drei Wellen der Konterrevolution

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In der folgenden Analyse zeigt Somayeh Rostampour auf, wie die Repression, die die iranische Regierung zur Niederschlagung von Protesten ausübt, der monarchistische Versuch, Oppositionsbewegungen zu kooptieren und nach rechts zu drängen, sowie der militärische Angriff, den die USA und Israel derzeit gegen den Iran führen, verschiedene Fronten innerhalb einer einzigen Konterrevolution darstellen, die sich gegenseitig verstärken und gemeinsam die Möglichkeit einer echten Befreiung unterdrücken.

Somayeh Rostampour ist eine kurdische, feministische Aktivistin aus dem Iran, die sich in einem internationalistischen Netzwerk und einem feministischen, antiimperialistischen, linken Kollektiv in Paris engagiert, das 2022 von im Exil lebenden Aktivist*innen aus dem Iran, Afghanistan und Kurdistan nach dem Aufstand „Jin, Jiyan, Azadî“ gegründet wurde. Das Kollektiv unterstützt subalterne Kämpfe im Iran.

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Zwischen Unterdrückung und Krieg

2024 nahm Donald Trump an Kundgebungen teil, auf denen nebeneinander Slogans wie Seid unregierbar! und Massenabschiebungen jetzt! zu lesen waren. Der Faschismus ist nicht nur deshalb unser Erzfeind, weil er genau das Gegenteil von uns will, sondern weil er seinem Projekt einen revolutionären Anstrich verleiht, die Dynamik und die Leidenschaft der Revolten für seine eigenen Zwecke nutzt und sich dadurch zur letzten Bastion der Zentren machen. Putin, Meloni, Le Pen und andere Faschist*innen profitieren von der Frustration und der Entwürdigung der seit dem jüngsten Wandel des Kapitalismus noch stärker prekarisierten arbeitenden Klasse, indem sie vorgeben, gegen das System zu sein, während sie es eigentlich festigen. Sie behaupten, alles verändern zu wollen, damit letztlich alles gleich bleibt. Die Reaktionären radikalisieren sich zunehmend, während sich die Progressiven in Zurückhaltung üben.

Revolutionen unserer Zeit: Ein internationalistisches Manifest, Les Peuples Veulent

Ende 2025 brach vor dem Hintergrund einer Wirtschaftskrise und einer wachsenden Ablehnung des theokratischen Regimes ein neuer Aufstand im Iran aus, der in den vorangegangenen Revolutionszyklen verwurzelt war. Seit 2017 hat eine Kombination aus wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen und politischen Krisen die iranische Gesellschaft jenseits jeglicher reformistischer Perspektive radikalisiert.

In den letzten zehn Jahren kam es im Iran zu mindestens fünf landesweiten Aufständen und Tausenden von Massenprotesten. Steigende Arbeitslosigkeit, Inflation, Armut und Ungleichheit haben das Land zu einem fruchtbaren Boden für Mobilisierungen der Bevölkerung gemacht, die von Generalstreiks bis hin zu sozialen Aufständen reichen. Diese wiederkehrenden Krisen haben tiefe Unzufriedenheit geschürt, insbesondere unter der Arbeiter*innenklasse, Studierenden, Rentner*innen und arbeitslosen Jugendlichen, die wiederholt auf die Straße gegangen sind, um diese Ungerechtigkeiten anzuprangern. Der Mangel an Freiheit und Perspektiven – insbesondere für eine Generation, die mit Arbeitslosenquoten von fast 50 Prozent konfrontiert ist – war einer der zentralen Auslöser der Aufstände. Wenn 80 Prozent der Arbeiter*innen von befristeten Verträgen mit einer Laufzeit von weniger als sechs Monaten leben, wenn Rentner*innen und Beschäftigte im öffentlichen Dienst umgerechnet oft nur 100 Dollar im Monat erhalten, während die Mieten in Teheran ein Niveau erreichen, das mit dem in europäischen Städten vergleichbar ist, ist es kaum verwunderlich, dass der Iran zu einem der turbulentesten und konfliktreichsten Länder in Westasien geworden ist.

Diese strukturellen Faktoren anzuerkennen bedeutet nicht, die Aufstände auf bloße wirtschaftliche Revolten zu reduzieren. Diese Analyse, die von bestimmten „campistischen“ (das heißt selektiv „antiimperialistischen“) Strömungen vertreten wird, ist sowohl irreführend als auch politisch konservativ: Sie stellt den Aufstand ausschließlich als Reaktion auf Not dar, während sie die Art und Weise verschleiert, wie die Demonstrant*innen sich bewusst dafür entscheiden, sich gegen Autoritarismus, Patriarchat und das Regime zu stellen. Indem die Ursache der Krise externalisiert und Sanktionen oder imperiale Aggression gegenüber den eigenen Formen der Herrschaft und Unterdrückung des Regimes in den Mittelpunkt gestellt werden, wird die Islamische Republik normalisiert und entschuldigt.

Diese Mobilisierungen sind sowohl ihrer Form als auch ihrem Inhalt nach zutiefst politisch. Sie stellen nicht nur Ungleichheit und Verarmung in Frage, sondern die gesamte Herrschaftsstruktur: autoritäre Staatsmacht, geschlechtsspezifische Unterdrückung, die Verweigerung von Freiheiten, die Verengung demokratischer Horizonte. Neben der Forderung nach besseren Lebensbedingungen bringen sie die Ablehnung jener Ordnung zum Ausdruck, die diese Bedingungen hervorbringt – daher ihre wiederkehrende Tendenz, in Form einer offenen Forderung nach dem Sturz des Regimes aufzutreten.

In jedem Protestzyklus hat die Unterdrückung die soziale Wut in direkten Widerstand gegen das Regime selbst verwandelt. Der Aufstand von Januar 2025–2026, der breiter angelegt war als die vorherigen, begann auf dem Basar von Teheran und griff rasch auf Studierende, die städtische arme Bevölkerung, Arbeiter*innen, Kleinunternehmer*innen und marginalisierte Randgebiete über, bis er schließlich mehr als 210 Städte in 31 Provinzen erfasste. Das Regime reagierte auf die Wut der Bevölkerung mit einer im modernen Iran beispiellosen Gewalt, schaltete Telefonnetze und das Internet ab und festigte seine Kontrolle durch einen Repressionsapparat, der durch autoritäre Überwachungstechnologien und digitale Kontrollmodelle gestützt wurde, die mit seinen Verbündeten China und Russland in Verbindung stehen. Das Regime tötete innerhalb weniger Nächte Tausende von Menschen.

Sechs Wochen später, am 28. Februar 2026, startete eine US-israelische Koalition einen Luftangriff auf das Land. Ali Khamenei, der Oberste Führer, wurde bei der Bombardierung seines Anwesens von Akteuren getötet, die selbst Völkermord begangen haben. Kurz nach der Bestätigung seines Todes feuerte Teheran Raketensalven auf Israel ab, was darauf hindeutet, dass seine Befehlskette auch in Abwesenheit seiner höchsten Autorität funktionsfähig blieb. Der Iran weitete seine Angriffe auch auf andere Länder aus, insbesondere auf Golfstaaten, in denen sich US-Militärstützpunkte befinden, darunter Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Kuwait.

Diese Abfolge von Ereignissen wirft eine dringende Frage auf: Wie kommt es, dass sich nach einem revolutionären Moment im Jahr 2022 der Horizont der Emanzipation zugunsten einer Rückkehr zur autoritären Ordnung im Jahr 2026 verschließen konnte? Wir müssen untersuchen, wie dies nicht nur als Folge staatlicher Repression geschieht, sondern auch durch eine diffusere Konterrevolution, die von medialen Narrativen und neuen politischen Allianzen vorangetrieben wird und sich hinter der Rhetorik der „Befreiung“ verbirgt.

Um den heutigen Iran zu verstehen, bedarf es mehr als einer Analyse der Revolution – es erfordert auch eine Analyse der Konterrevolution. Es reicht nicht aus, Aufstände zu untersuchen; man muss auch die Kräfte begreifen, die versuchen, sie zu neutralisieren, umzulenken, auszuhöhlen oder in Richtung eines autoritären Ausgangs zu lenken.

Die Unterdrückung des Aufstands vom Januar 2026 durch die Islamische Republik und der am 28. Februar 2026 begonnene militärische Angriff der USA und Israels sind weder zwei getrennte Ereignisse noch zwei gegensätzliche Formen der Gewalt, von denen die eine „böse“ und die andere „befreiend“ sei. Sie müssen vielmehr als Teil eines einzigen konterrevolutionären Prozesses verstanden werden, der lange vor der Eskalation zu militärischen Aktionen begann.

Noch vor dem Massaker im eigenen Land und vor dem Krieg im Ausland hatte bereits eine frühere Phase begonnen: eine politische, mediale und symbolische Konterrevolution, die insbesondere von der iranischen nationalistischen und monarchistischen Rechten (vor allem innerhalb der Diaspora) vorangetrieben wurde, welche darauf abzielte, die Bedeutung des Slogans „Jin, Jiyan, Azadî“ , um ihn in eine chauvinistische, autoritäre, linksfeindliche und letztlich militaristische Agenda einzubetten. Obwohl die 2022 begonnene Revolution die Legitimität der Islamischen Republik zutiefst untergraben hatte, gelang es dem Regime, sich nach dem 7. Oktober 2023 und, noch entscheidender, nach dem ersten Angriff der USA und Israels im Juni 2025 wieder zu stabilisieren.

Diese wiedergewonnene Legitimität wurde durch das Massaker im Januar 2026 schwer erschüttert. Doch nur wenige Wochen später vertiefte ein neuer Angriff Israels und der imperialistischen Vereinigten Staaten die konterrevolutionäre Entwicklung, indem sie den Iran mit derselben Gewaltmaschinerie ins Visier nahmen, die bereits auf Gaza, den Libanon und andere Teile Westasiens losgelassen worden war. Unter falschen Vorwänden geführt, hat dieser Krieg bereits Schulen und Krankenhäuser zerstört und Hunderte Zivilist*innen im Iran getötet. Trotz der Verwüstung hat er dem Regime auch ein gewisses Maß an Legitimität zurückgegeben, insbesondere international und in Teilen der globalen Linken. Zeitweise hat diese Linke dem Massaker an Iraner*innen durch imperialistische Waffen mehr Gewicht beigemessen als dem Massaker an Iraner*innen durch die Kugeln des Regimes.

Wie der Oberste Führer Ruhollah Khomeini während des Iran-Irak-Kriegs (1980–1988) wiederholt betonte: „Krieg ist ein Segen für die Islamische Republik Iran.“ Er dient dazu, Zusammenhalt zu erzwingen, interne Dissidenz zum Schweigen zu bringen und die Legitimität des Regimes zu erneuern.

Der Krieg gegen den Iran im Jahr 2026 darf also nicht als Bruch mit der Konterrevolution verstanden werden, sondern vielmehr als deren militärische Vollendung. Anstatt den Zusammenbruch des Regimes herbeizuführen, wird der Krieg wahrscheinlich nur den staatlichen Nationalismus stärken und die Möglichkeit einer autonomen Transformation durch das Volk zunichte machen.

Selbst wenn das Regime zusammenbricht, wird das, was danach kommt, als Folge dieses Krieges noch reaktionärer sein.

Der Krieg hat den Ethnonationalismus und den innenpolitischen Zusammenhalt bereits gestärkt. Dies zeigt sich in der Bestätigung von Mojtaba Khamenei als neuem Obersten Führer. Interne Repression und externer Krieg verstärken sich gegenseitig. Unter solchen Bedingungen wird die Zivilgesellschaft ausgehöhlt, die Opposition stigmatisiert und jeder Weg aus der Krise erschwert.

So verstanden erscheinen das Massaker im Januar und der Krieg im Februar nicht als zwei Brüche, sondern als zwei asymmetrische Phasen derselben bewaffneten Konterrevolution – intern durch den iranischen Staat und extern durch imperialistische Mächte –, die auf den royalistischen Versuch folgten, die Mobilisierungen der Bevölkerung nach rechts zu drängen. In allen drei Fällen ist nicht nur ein Regime oder eine Bevölkerung das Ziel, sondern die Möglichkeit einer emanzipatorischen Transformation von unten an sich.

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Von der Jin-Jiyan-Azadî-Revolution zur Konterrevolution von 2026

Um die Abfolge der Ereignisse von 2022 bis 2026 zu verstehen – ohne sie auf entscheidende historische Ereignisse wie den Putsch von 1953, die Weiße Revolution von 1963 oder die Islamische Revolution von 1979 zurückzuführen –, müssen wir erkennen, dass die Konterrevolution weder mit dem Massaker im Januar begann, noch mit dem Krieg, der im Februar ausbrach, sondern schon früher, im politischen, medialen und symbolischen Bereich. Der Aufstand unter dem Motto „Jin, Jiyan, Azadî“ stellte nicht nur die Verschleierungspflicht in Frage oder verurteilte staatlichen Mord; er eröffnete einen feministischen, populären und dekolonialen revolutionären Horizont und machte eine Transformation von unten denkbar, die von Frauen, von marginalisierten Bevölkerungsgruppen (insbesondere Kurd*innen und Belutsch*innen), von Jugendlichen, Arbeiter*innen und vernachlässigten Regionen vorangetrieben wird. Er destabilisierte zudem sowohl monarchistische als auch reformistische Narrative, indem er aufzeigte, wie Geschlechterdominanz, Klassenverhältnisse und der „interne Kolonialismus“ des Staates miteinander verflochten sind.

Genau dieser Horizont wurde zum Ziel der ersten konterrevolutionären Offensive, die nicht nur vom Regime, sondern auch von Teilen der Opposition angeführt wurde, insbesondere von nationalistischen und monarchistischen Kreisen in der Diaspora. Diese Kräfte versuchten, den Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ seiner Substanz zu entleeren, ihn durch Formeln wie „Mann, Heimat, Wohlstand“ zu ersetzen und ihn in eine maskulinistische, zentralistische, antilinke und kriegsbefürwortende Grammatik umzugestalten. Diese Umkehrung ging so weit, dass „Jin, Jiyan, Azadî“ mit kolonialer Gewalt vereinbar erschien – zum Beispiel, als es neben israelischen Flaggen gezeigt und auf die Ruinen von Gaza geschrieben wurde, um Völkermord zu rechtfertigen.

Im Jahr 2023 versammelten sich iranische Rechtspolitiker im Namen der Einheit an der Georgetown University, um über einen Iran nach Jina zu diskutieren. Obwohl dieser Versuch, ein Bündnis zu schmieden, letztendlich scheiterte, vertiefte er bestehende Spaltungen und trug zum Rückzug progressiver Kräfte bei – ganz im Gegensatz zur Solidarität, die 2022 geschmiedet worden war. Die Teilnehmer*innen versuchten systematisch, die Vorreiterkräfte des Aufstands zu diskreditieren: Sie beleidigten kritische Feministinnen, diffamierten Studierende mit dem Etikett „Mojahedin“ (ein Verweis auf die Volksmudschaheddin-Organisation), beschuldigten Kurd*innen und Belutsch*innen des „Separatismus“ und reduzierten jede Forderung nach Autonomie oder Pluralismus auf eine Bedrohung der „territorialen Integrität“.

Ihre Ausrichtung auf Newroz (das kurdische Neujahrsfest) verdeutlichte diese Logik. Teile der zentralen Eliten und rechtsgerichtete Nationalist*innen stellten diesen Ausdruck der Volkskultur gleichermaßen als separatistische Bedrohung dar. Ein offener Brief an den Staat, unterzeichnet von 800 Intellektuellen aus dem „Zentrum“ (politisch, geografisch, sprachlich und ethnisch gesehen), von denen die meisten iranische Republikaner*innen waren, bot einen paradigmatischen Ausdruck dieser Tendenz. Drei Konsequenzen ergaben sich daraus: die weitere Ausgrenzung ethnisch-nationaler Gruppen, wachsendes Misstrauen gegenüber dem „Zentrum“ (einschließlich seiner patriotischen Linken) und eine geringere Beteiligung dieser Bevölkerungsgruppen am Aufstand von 2026. Gleichzeitig zerfiel die Linke – die bereits als Kraft geschwächt war, die den 2022 eröffneten Horizont aufrechterhalten hatte – noch weiter.

Die Folgen der Umkehrung der Bedeutung von „Jin, Jiyan, Azadî zeigten sich in bestimmten linken Kreisen, in denen das Handeln unterdrückter Bevölkerungsgruppen, insbesondere der Kurd*innen, pathologisiert wurde. Ähnlich wie die frauenfeindliche Logik, die Überlebende sexueller Übergriffe für „provokative Kleidung“ verantwortlich macht, stellten einige linke Analysen die Mobilisierung der Kurd*innen oder Belutsch*innen implizit als Provokation dar, die staatliche Gewalt oder ausländische Interventionen heraufbeschwor. Dies ist sowohl ethisch als auch theoretisch unhaltbar, da es den Kampf aus seinem materiellen Kontext abstrahiert, die Verantwortung für das Leid von den Herrschaftsstrukturen auf diejenigen verlagert, die sich ihnen widersetzen, und sich unbeabsichtigt mit genau jenen Kräften verbündet, denen es angeblich entgegensteht. In diesem Klima wurde sogar die Erinnerung an den Aufstand von Jin, Jiyan, Azadî zum Schlachtfeld.

Sein radikales Versprechen wurde nach und nach durch eine hegemoniale Ordnung ersetzt, die sich um militarisierte Normalität herum organisierte.

Unterdessen trugen die israelische Offensive und die Propaganda, die von rechten und rechtsextremen Medien wie Manoto und Iran International verbreitet wurde, dazu bei, das radikale Versprechen von Jin, Jiyan, Azadî das auch ethnische Hierarchien in Frage stellt und Souveränität als Gemeingut neu definiert, zu unterdrücken, um eine rassistisch geprägte, zentralistische und militarisierte Ordnung zu fördern.

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Geopolitische Neuausrichtungen beschleunigten diesen Wandel. Der „Zwölf-Tage-Krieg“, den Israel im Juni 2025 gegen den Iran führte, stärkte sowohl den Nationalismus als auch die rassifizierende Macht des Staates, indem er es erleichterte, die Teilnehmer*innen des Aufstands (insbesondere Kurd*innen und Belutsch*innen) als „Separatist*innen“ darzustellen. Allmählich wichen die pluralistischen Bestrebungen von 2022 einer Logik der Sicherheit, Ausgrenzung und Disziplin. Einige ehemalige „Patrioten“ trugen dazu bei, die Staatsmacht als „Bollwerk“ gegen den äußeren Feind zu legitimieren; der Nationalismus verhärtete sich, verfestigte ethnische und geschlechtsspezifische Hierarchien und senkte die politischen Kosten eines persienzentrierten und xenophoben Diskurses. Die staatliche Kampagne gegen afghanische Migrant*innen (einschließlich der Zwangsausweisung von mehr als zwei Millionen Menschen) wurde sowohl von Stellvertretern des Regimes als auch von Monarchist*innen und Nationalist*innen unterstützt, was den Rassismus im sozialen Bereich weiter normalisierte. In diesem Klima stießen die zunehmenden Hinrichtungen von Kurd*innen und Afghan*innen, denen Spionage für Israel vorgeworfen wurde, auf wenig Widerstand.

Die Schürung von Afghanophobie und Kurdophobie war kein Zufall. Sie war integraler Bestandteil der Ordnung nach dem Aufstand.

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Dies wurde besonders deutlich im Fall des Bündnisses von fünf kurdischen Parteien, das am 22. Februar 2026 bekannt gegeben wurde und das den Sturz des Regimes mit dem Selbstbestimmungsrecht Kurdistans innerhalb eines demokratischen Irans verband, während es die Werte Demokratie, Frauenrechte, Ökologie und Gleichberechtigung in den Vordergrund stellte. Das Bündnis wurde sowohl vom monarchistischen „Kronprinzen“ Reza Pahlavi als auch von den Medienplattformen der Islamischen Republik sofort als „separatistisch“ gebrandmarkt. Ersterer berief sich auf eine „nationale Pflicht“ zur Verteidigung der „territorialen Integrität“, während letztere das Bündnis als „Bestandteil eines US-amerikanisch-israelischen Projekts“ darstellten. Ein Teil der Republikaner*innen in der iranischen Opposition (hauptsächlich Liberale aus ehemaligen reformistischen Strömungen) verteidigt ebenfalls die Idee eines säkularen und demokratischen Staates, der auf einem zentralistischen Nationalismus basiert.

So zieht sich ein roter Faden durch die ansonsten gegensätzlichen Lager: die Ablehnung der Autonomie unterdrückter Bevölkerungsgruppen. Diese Trennlinie zeigt, wer an den Prinzipien des Aufstands von 2022 festhält und wer nicht.

Innerhalb dieser Polarisierung hat sich die Opposition zunehmend um zwei Blöcke herum strukturiert: auf der einen Seite der revolutionäre Horizont, der sich 2022 um Jin, Jiyan, Azadî auftat und der darauf abzielt, Machtverhältnisse sowie nationale und geschlechtliche Identitäten von unten her zu transformieren; auf der anderen Seite ein rechter – ja, zuweilen sogar rechtsextremer – konterrevolutionärer Block, angeführt vom Pahlavismus (Monarchist*innen), der jedoch darüber hinausgeht, zentralistische Staatlichkeit mit Militarismus verbindet und auf die Wiederherstellung der alten Ordnung ausgerichtet ist. Dies sind jene in der Diaspora, die auf den Straßen des Westens tanzten und den Krieg feierten, während imperialistische Bomben auf die iranische Bevölkerung und ihre Häuser niederprasselten.

Reza Pahlavi verfügte zuvor nur über eine begrenzte Anhänger*innenschaft und einen schwachen Organisationsapparat, doch er nutzte die sich nach 2022 bietende Gelegenheit. Durch eine nationalistische und linksfeindliche Linie gelang es ihm, Teile der Opposition zu vereinen, die der führenden Rolle von Frauen, Kurd*innen, Belutsch*innen und Arbeiter*innen ablehnend gegenüberstanden, und gleichzeitig den Wunsch nach einem vom Westen unterstützten „schnellen Sturz“ für sich zu gewinnen. Seine früheren Versuche, sich einer Achse aus Revolutionsgarden und Reformist*innen anzuschließen, waren gescheitert, doch insbesondere nach dem 7. Oktober 2023 profitierte er von der Unterstützung eines Akteurs, der zwar klein, aber dennoch mächtig ist. Nämlich Israel.

Die nationalistischen, sexistischen, homophoben, rassistischen und linksfeindlichen Parolen, die 2026 sowohl auf den Straßen als auch an den Universitäten auftauchten, sind Teil einer konterrevolutionären Gegenbewegung. Dies ist eine antilinke Gegenoffensive, die von der Angst vor der Macht marginalisierter Gruppen – der Avantgarde von 2022 – und derer, die sie unterstützten, aber auch von politischer Erschöpfung und einem Gefühl der Hilflosigkeit angesichts der Widerstandsfähigkeit des Regimes angetrieben wird. Die wahrgenommenen Misserfolge früherer Strategien trugen dazu bei, die Übergabe der Initiative an reaktionäre Kräfte zu legitimieren, notfalls auch durch Krieg.

Tatsächlich sind diese Formationen, ob staatlich geführt oder oppositionell, nicht nur reaktionär – sie sind auch parasitär. Sie nähren sich von der kreativen Energie der Aufstände, nur um sie zu neutralisieren und auf nationalistische oder imperiale Ziele umzulenken. Dies zeigt sich nicht nur in Israels unaufrichtiger Darstellung des Krieges als „Befreiung“, sondern auch in der Art und Weise, wie der rechte Flügel der iranischen Diaspora westliche Anerkennung anstrebt, indem er die feministischen, kurdischen und queeren Dimensionen des Aufstands ausblendet. Diese Akteur*innen zielen darauf ab, sich die von Jin, Jiyan, Azadî entfesselte aufständische Kraft anzueignen, während sie gleichzeitig daran arbeiten, deren Rückkehr in emanzipatorischer Form zu verhindern. Die Parallelen zu anderen feministischen Aufständen, wie beispielsweise Ni Una Menos („Nicht eine mehr“) in Lateinamerika, sind auffällig. In beiden Fällen stießen radikale Visionen von Geschlechtergerechtigkeit und kollektiver Verweigerung auf eine strafende, militärische und ideologische Gegenreaktion. Was sich über diese Kontexte hinweg abzeichnet, ist das, was Verónica Gago als globale Architektur der Gegenreaktion beschreibt: Demonstrant*innen werden kriminalisiert, repressive Technologien zirkulieren transnational, und Krieg wird zu einem Mittel, politisches Verlangen zu disziplinieren.

Die interne Unterdrückung durch das Regime und der Krieg im Ausland haben lediglich mit Waffengewalt einen bereits in vollem Gange befindlichen konterrevolutionären Prozess vollendet. Aus dieser Perspektive erscheint der jüngste Krieg als letzte Phase dieses Prozesses: nicht als Mittel zur „Befreiung des Iran“, sondern als Versuch, die letzten Überreste der 2022 entfesselten Dynamik auszulöschen und einen von außen orchestrierten Regimewechsel durchzusetzen. Mit anderen Worten: Die Bombardements zielen nicht auf Emanzipation ab, sondern auf die Mobilisierung konterrevolutionärer Kräfte für eine neue regionale und globale Ordnung – auf Kosten massiver Zerstörung, ziviler Todesopfer und der langfristigen Verhinderung jeglicher Möglichkeit einer Transformation durch die Bevölkerung für kommende Generationen.

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Die Dämonisierung der Linken: Ein Tor zur extremen Rechten

Die vom Regime durchgeführte Repression war nur die erste Phase der Konterrevolution. Mensch muss auch verstehen, wie „die Linke“ als allumfassende Kategorie des Feindes konstruiert wurde. In dieser Operation wird alles, was für Gleichheit, Autonomie, sprachliche und politische Pluralität, Frauenrechte, Selbstbestimmung, die Emanzipation unterdrückter Völker oder soziale Gerechtigkeit eintritt, auf „die Linke“ reduziert und als existenzielle Bedrohung dargestellt.

Das tut das Regime. Das tun auch die Monarchist*innen. Und das tun auch bestimmte iranische Reformist*innen oder Republikaner*innen, wenn auch auf subtilere Weise.

Diese Dämonisierung der Linken hat den Weg für den Aufstieg der extremen Rechten geebnet. Das ist zudem nichts Neues. Schon unter den Pahlavis (1919–1980) wurden linke Kräfte mit Chaos, Subversion, Abhängigkeit vom Ausland oder Entwicklungsfeindlichkeit in Verbindung gebracht.1 Nach 1979 weitete die Islamische Republik diese Logik aus und radikalisierte sie, indem sie unabhängige linke Gruppen auslöschte; Hinrichtungen (wovon die Massengräber von Khavaran noch immer Zeugnis ablegen); Säuberungen; Repressionen in Kurdistan im Namen des „Dschihad“ gegen die Kurd*innen; und die Kriminalisierung von Aktivist*innen unter Bezeichnungen wie „Kommunist*in“, „Atheist*in“, „verwestlicht“ oder „konterrevolutionär“ – und das alles, während sie sich paradoxerweise bestimmte Formulierungen zu sozialer Gerechtigkeit, Antiimperialismus und der palästinensischen Sache zu eigen machte.

Staatlicher „Antiimperialismus“ führt keine Tradition der Emanzipation oder des antikolonialen Kampfes fort. Er eignet sich das Simulacrum dieses Kampfes an, um interne Gewalt zu rechtfertigen, Opposition zu kriminalisieren, eine autoritäre Ordnung als Haltung des Widerstands darzustellen und die Geschlechterapartheid im Namen der „kulturellen Authentizität“ zu legitimieren – eine Fassade, die ihn vom Westen abgrenzen soll. Diese ausbeuterische und unehrliche Aneignung, die auf den ersten Blick an Modelle wie den Stalinismus oder den Nasserismus erinnern mag, nahm im Iran eine spezifische Form an. Emanzipatorische Konzepte wurden in eine religiöse und mystische Sprache umformuliert, während der staatliche Antiimperialismus als „zivilisatorischer“ Widerstand gegen den Westen neu konfiguriert wurde. Die Linke wurde somit sowohl wegen ihres Säkularismus als auch wegen ihrer Fähigkeit, das Monopol des Regimes auf die Sprache der sozialen Gerechtigkeit und die Palästinafrage in Frage zu stellen, zum Feind.

Der Iran präsentierte sich auf der internationalen Bühne zu seinem eigenen Vorteil als Kern der „Achse des Widerstands“, während er im eigenen Land eine tyrannische Ordnung aufrechterhielt. Dies ebnete den Weg für die Festigung einer patriarchalisch-islamistischen Ordnung. Auf diese Weise wurde ein Diskurs der Befreiung in einen Diskurs der Herrschaft umgekehrt, der die Autonomie der Frauen unterdrückte und die demokratische Opposition kriminalisierte.

Der Reformismus – die einzige Strömung innerhalb der zugelassenen politischen Parteien, die im Iran konsequent die Macht mit den Islamisten geteilt hat, darunter siebzehn Jahre lang das Präsidentenamt – spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle bei dieser Dämonisierung, indem er durch Zeitschriften, Leitartikel und verschiedene kulturelle Produktionen eine diffusere Anti-Links-Kritik verbreitete. Im Namen von Stabilität, Mäßigung und Entwicklung setzten sie die Linke mit Irrationalität, Dogmatismus, Gewalt oder Abhängigkeit vom Ausland gleich, während sie den von den USA unterstützten Putsch von 1953 und die Unterdrückung progressiver Kräfte nach 1979 herunterspielten.

Gleichzeitig diente der reformistische Diskurs oft dazu, die Armen und die Arbeiter*innenklasse zu delegitimieren, indem er sie als soziale Basis des religiösen Konservatismus oder gar als politisch ignorante Masse darstellte, die für eine autoritäre Vereinnahmung bereitstand. Sozioökonomische Aufstände wurden als Ausdruck der vermeintlichen „Natur“ der Armen dargestellt, eine Darstellung, die wir während der Aufstände von 2017–2018 und bei jüngeren Mobilisierungen erneut beobachteten.2 In Krisenzeiten griffen einige Reformist*innen sogar auf eine auf „Sicherheit“ fokussierte Rhetorik zurück, bezeichneten Demonstrant*innen als „Terroristen“ und versuchten, radikale Forderungen durch die Verbreitung von Angst zu neutralisieren.

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Der Reformismus, der nach dem Iran-Irak-Krieg (1980–1988) als Weg des schrittweisen Wandels „von innen heraus“ – durch Wahlbeteiligung, parlamentarisches Handeln und die Formel „Druck von unten, Verhandlungen von oben“ – präsentiert wurde, hat das politische Feld konsequent auf die beiden Alternativen Reform oder Zusammenbruch beschränkt. Diese Darstellung entzog jedem emanzipatorischen Bruch die Legitimität, indem sie ihn mit einer „Syrisierung“, Extremismus und dem Verrat an den nationalen Interessen in Verbindung brachte. Nach fast zwei Jahrzehnten der Erfahrung erschienen die Reformist*innen weniger als Alternative zum Regime, sondern vielmehr als einer der Mechanismen seiner Reproduktion. Der Slogan von 2017–2018 – „Reformisten, Konservative, für euch beide ist das Spiel vorbei“ – bringt dies deutlich genug zum Ausdruck.

Doch trotz seiner Legitimitätskrise reproduziert sich die reformistische Strömung weiterhin, sowohl im Iran als auch in der Diaspora, insbesondere unter bestimmten nationalistischen Eliten und manchmal auch in campistisch orientierten.

So veröffentlichte beispielsweise Fariba Adelkhah, eine französisch-iranische Anthropologin und Wissenschaftlerin an der französischen Universität Sciences Po, die von 2019 bis 2023 im Iran inhaftiert war, am 14. Januar 2026 – nur wenige Tage nach den blutigen Massakern vom 8. und 9. Januar – einen Text, der sich nahtlos in einen diasporischen Reformismus einfügt, der unter dem Deckmantel methodologischer Vorsicht ein Framing reproduziert, das der Linken und dem Sturz des Regimes feindlich gegenübersteht.3 Nach reformistischer Auffassung könnte eine Form der internen Vermittlung innerhalb des Regimes – die es den Menschen ermöglicht, „ohne Rückgriff auf Gewalt zu debattieren“, wie Adelkhah es formuliert – noch möglich sein, trotz des offensichtlichen Scheiterns dieser Perspektive in den Parolen, Praktiken und Formen der Politisierung, die die jüngsten Aufstände geprägt haben. Indem er jede nicht-reformistische Alternative ablehnt und sich im Namen der Anti-Einmischung dem campistischen Denken annähert, hat der Reformismus indirekt dazu beigetragen, den Monarchismus zu rehabilitieren.

Die Tatsache, dass bestimmte campistische, dekoloniale oder pseudo-antiimperialistische Persönlichkeiten ihre Interpretation von Adelkhah in Frankreich verbreitet haben, offenbart die Nähe zwischen campistischen Argumentationsmustern und konterrevolutionären Positionen iranischer Reformist*innen. Im Namen der Vorsicht und der Ablehnung von Einmischung neigen diese Positionen dazu, die Diskussion von der Unterdrückung abzulenken, Aufstände zu delegitimieren und eine indirekte Rechtfertigung für die Gewalt zu liefern, die autoritäre postkoloniale Staaten ausüben.

Campistische Strömungen, die jede iranische Krise auf eine Folge von Sanktionen oder westlicher Einmischung reduzieren, beschönigen letztendlich das iranische Regime. Indem sie Kämpfe um Klasse, Geschlecht und Befreiung einer abstrakten Geopolitik unterordnen, tragen sie dazu bei, den Begriff der Emanzipation seines konkreten Inhalts zu entleeren, wodurch die Rechte das Monopol auf radikale Kritik an der bestehenden Ordnung behält.

Wenn mensch sich weigert, den internen Krieg zu durchdenken, den das Regime gegen seine Bevölkerung geführt hat, bleibt jede Anprangerung des externen Krieges politisch unvollständig. Das war die Logik, die bestimmte dekoloniale campistische Strömungen dazu veranlasste, den revolutionären Jina-Aufstand von 2022 zu diffamieren, indem sie ihn als „Frau, Leben, Zionistin“ brandmarkten, wie es Paroles d’Honneur (PDH) in Frankreich tat. Das Ergebnis ist dasselbe: die Schließung des 2022 eröffneten revolutionären Horizonts, die Isolation der populären Kräfte und der Linken sowie die Verdrängung des Wunsches nach einem Bruch zugunsten reaktionärer Lösungen.

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Aus dieser reformistischen und campistischen Perspektive wird jedes emanzipatorische Projekt, das von der Realpolitik abweicht, als „Radikalismus“ umgedeutet und aus dem Rahmen der legitimen Politik verdrängt. Diese Strategie der Diskreditierung hat der Rechten ein Monopol auf den Radikalismus verschafft; folglich werden diese beiden Strömungen, wenn schon nicht zu Verbündeten, so doch zumindest zu Komplizen beim Aufstieg der Royalist*innen, deren im Ausland lebender Zweig heute eine Form der extremen Rechten darstellt.

Innerhalb der Diaspora haben die Monarchist*innen die Dämonisierung der Linken systematisiert und intensiviert. Mit der Unterstützung internationaler Mächte und Israels sowie mit beträchtlichen finanziellen und medialen Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen, schreiben sie die Geschichte neu, indem sie die Krisen des Iran auf die fitna („Aufruhr“) von 1979 und den „Verrat der Linken“ reduzieren. Sie nutzen die Fehler eines Teils der Linken, wie etwa die Unterstützung der Tudeh-Partei für die Islamische Republik im Namen des Antiimperialismus, als Vorwand dafür und setzen die Linke mit der Islamischen Republik gleich, ähnlich wie die russische Linke historisch mit dem Stalinismus assoziiert wurde.4 Als Etikett wird „die Linke“ so zu einem Schimpfwort, zu einem Instrument der Ausgrenzung, das sich gegen jeden richtet, der sich dem Pahlavismus widersetzt – einschließlich Menschenrechtsaktivist*innen, Republikaner*innen, Liberalen und sogar politischen Gefangenen wie Narges Mohammadi, die sich nie als links identifiziert hat.

Dies ist ein Mittel, um die Verantwortung monarchistischer Strukturen und des Westens zu entpolitisieren und gleichzeitig die soziale Wut in eine konterrevolutionäre Nostalgie zu lenken. In diesem Zusammenhang werden Campist*innen, die die „Achse des Widerstands“ durch die Beschönigung der Verbrechen des Regimes unterstützen, zu unfreiwilligen Handlanger*innen der extremen Rechten. Indem sie darauf bestehen, dass es im Falle eines Sturzes des Regimes keine Alternative zum Monarchismus gäbe, kommen sie letztlich zu dem Schluss, dass überhaupt kein Aufstand stattfinden sollte. Dies eröffnet Raum für faschistischen Populismus und die extreme Rechte, insbesondere in der Diaspora, während Radikale im Exil isoliert werden.

Reformist*innen und Monarchist*innen, die sich beide oft in einem neoliberalen Horizont verorten und beide dem ethnisch-nationalen Pluralismus weitgehend ablehnend gegenüberstehen, verstärken sich gegenseitig und werden bisweilen zu tatsächlichen Verbündeten. Der populäre Satz „Die Linke hat es nie verstanden“, der kurz vor dem Aufstand von 2026 von beiden Lagern mit Nachdruck wiederbelebt wurde, verdeutlicht die Wirksamkeit des linksfeindlichen Diskurses.

Es entsteht eine dreiseitige Konvergenz zwischen der Islamischen Republik, den Reformist*innen und den Monarchist*innen: Trotz ihrer erklärten Gegensätze neigen alle dazu, emanzipatorische Alternativen, die von der Linken, dem Feminismus und unterdrückter Bevölkerungsgruppen ausgehen, zu neutralisieren und damit den Horizont zu verschließen, der sich 2022 mit Slogans wie „Weder Monarchie noch Oberster Führer: Freiheit und Gleichheit“ eröffnet hatte. Die Rechte dieser Gruppen werden als existenzielle Bedrohung für verschiedene Formen des Autoritarismus dargestellt, sei es theokratisch, säkular-zentralistisch oder monarchisch. Die Bezeichnung „der Linken“ als Hauptfeind ebnet den Weg für eine rechte Konterrevolution oder, falls nötig, für einen Krieg.

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Krieg als Konterrevolution unter dem Deckmantel der Befreiung

Die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands „Jin, Jiyan, Azadî“ im Jahr 2022 durch die Islamische Republik veränderte die Bedingungen, unter denen „Freiheit“ selbst in weiten Teilen der iranischen Gesellschaft überhaupt noch vorstellbar war. Indem das Regime die Forderungen der Bevölkerung nach Geschlechtergerechtigkeit, demokratischem Wandel und ethnisch-nationaler Autonomie zurückwies, verschärfte es eine ohnehin schon schwere Legitimitätskrise und zerbrach das, was vom Gesellschaftsvertrag noch übrig war. Die Folge war nicht nur der Zusammenbruch des Vertrauens zwischen Staat und Gesellschaft, sondern auch eine Schwächung der kollektiven Fähigkeit, Befreiung als internes politisches Projekt zu begreifen.

Dieser Bruch schuf ein gefährliches politisches Terrain. Da Wege für Reformen, Anerkennung und Teilhabe systematisch versperrt wurden, verflocht sich die Idee der Freiheit zunehmend mit Hoffnungen auf eine Lösung von außen. Krieg, einst vor allem als zerstörerisches Gegenteil von Emanzipation verstanden, wurde – in bestimmten Kreisen, sogar unter einigen antikolonialen Denker*innen – zunehmend ambivalenter wahrgenommen: nicht als etwas an sich Erstrebenswertes, sondern als mögliches Mittel, ein gewaltsam festgefahrenes Regime zu stürzen.

Diese Verschiebung sollte nicht mit einer Befürwortung des Militarismus verwechselt werden. Vielmehr offenbart sie einen tiefgreifenden Wandel in der politischen Subjektivität – für den die Islamische Republik die Verantwortung trägt.

Durch jahrzehntelange Unterdrückung – und insbesondere durch sein rücksichtsloses Vorgehen gegen die Aufstände von 2022 und Januar 2026 – hat das Regime Reformen nicht nur verhindert; es hat auch den Rahmen verändert, innerhalb dessen Gewalt, Bruch und Befreiung verstanden werden. In Frames of War argumentiert Judith Butler, dass ein Staat, wenn er Teile der Bevölkerung unerkennbar oder entbehrlich macht, die affektiven und epistemischen Bedingungen neu gestaltet, in denen Gewalt verstanden wird. Im Falle des Iran hat dies zu einer gefährlichen Verwischung der Grenze zwischen Vernichtung und Erlösung, Zerstörung und Befreiung beigetragen.

Die Ereignisse vom 8. und 9. Januar 2026 bieten hierfür ein besonders eklatantes Beispiel. Während des jüngsten massiven revolutionären Aufstands erzwang das Regime eine fast vollständige Abschaltung der Internet- und Telefonverbindungen und versuchte, durch eine Kombination aus Unterdrückung, Isolation und Terror die „Ordnung“ wiederherzustellen. Im Januar veröffentlichte ein prominenter Augenarzt ein Video, in dem er erklärte, dass allein in einem einzigen Krankenhaus (Farabi) in Teheran in der Nacht des 8. Januar tausend Operationen durchgeführt worden seien, um Demonstrant*innen zu behandeln, denen mit scharfer Munition direkt ins Auge geschossen worden war. Krankenhäuser wurden zu Haftanstalten statt zu Orten der Versorgung, und viele der Verwundeten wurden in Gefängnisse verlegt, in denen sie zunehmend hingerichtet wurden. Die Leichen der getöteten Demonstrant*innen wurden in Kühlwagen gestapelt; einige von ihnen waren aufgrund der ihnen zugefügten Brutalität nicht mehr zu erkennen. Videos zeigen Familien in Leichenhallen, die weinend nach ihren Kindern suchen oder versuchen, die Leichen ihrer Angehörigen zu identifizieren. Unter diesen Bildern sind Säuglinge und Jugendliche zu sehen, die durch Schüsse getötet wurden.

Viele Opfer werden noch immer vermisst. Einem Bericht einer iranischen Universität zufolge wurden mindestens fünfzig Frauen anonym beigesetzt, da sie nicht identifiziert werden konnten. Leichen, die an die Familien zurückgegeben wurden, wurden manchmal nur gegen Bezahlung freigegeben, oft unter dem Vorwand einer „Projektilgebühr“, oder die Familien wurden gezwungen zu erklären, dass ihre Angehörigen Mitglieder der Basij [einer paramilitärischen Freiwilligenmiliz innerhalb des Korps der Islamischen Revolutionsgarden] gewesen seien und von Demonstrant*innen getötet worden seien. Die Bestattungen, die oft unter starkem Sicherheitsdruck durchgeführt wurden, fanden stillschweigend, sehr früh am Morgen oder spät in der Nacht statt. In einigen Fällen wurden die Leichen beigesetzt, ohne dass die Familien überhaupt informiert wurden. Die Zahlen belaufen sich auf rund 10.000 Tote, mehr als 11.730 noch in Untersuchung befindliche Fälle, mehr als 25.000 Verletzte, mehr als 52.000 Festnahmen und mindestens 337 erzwungene Geständnisse. Das Regime setzte Gewalt nicht nur zur Unterdrückung, sondern auch zur Terrorisierung der Gesellschaft ein.

Die Geschichten von Tod, Verschwinden und Verhaftung verleihen dem Slogan konkrete Bedeutung: „Basij, Sepah, unser Daesh, das seid ihr.“ [Sepah ist eine Bezeichnung für das Korps der Islamischen Revolutionsgarden; Daesh ist eine Bezeichnung für den Islamischen Staat.]

In dem durch diese staatliche Gewalt entstandenen politischen Vakuum fanden monarchistische und rechte Kräfte eine Gelegenheit, an Einfluss zu gewinnen. Pahlavis Aufstieg war weniger Ausdruck einer ideologischen Massenbewegung hin zum Monarchismus als vielmehr ein Zeichen für die wachsende Überzeugung, dass ein Bruch mit dem Regime ohne Einmischung von außen nicht möglich sei. Als die Persönlichkeit, die am deutlichsten mit internationaler Unterstützung – insbesondere israelischer Unterstützung – in Verbindung gebracht wurde, verkörperte er für einen Teil der Bevölkerung das glaubwürdigste Mittel für eine von außen erzwungene „Befreiung“. Pahlavis Anziehungskraft beruhte weniger auf einem positiven Wunsch nach einer Wiederherstellung der Monarchie als vielmehr auf der Wahrnehmung, dass er praktisch gesehen ein Projekt des Regimewechsels durch Krieg verkörperte.

Das Regime reagierte seinerseits mit einer Verschärfung seines Diskurses über „Sicherheit“, indem es Demonstrant*innen als „Terroristen“, „Spione“ und ausländische Agenten brandmarkte und den Weg für neue Hinrichtungen unter Anklagen wie Moharebeh („Krieg gegen Gott“) ebnete. Es entstand ein Teufelskreis: Die Unterdrückung versperrte emanzipatorische Möglichkeiten von innen, während das dadurch entstandene Vakuum die Menschen zu reaktionären Lösungen von außen hinführte. Das war der Kontext, in dem die Konterrevolution als Rettung getarnt werden konnte.

Die israelisch-amerikanische militärische Eskalation gegen den Iran in den Jahren 2025 und 2026 muss in diesem Zusammenhang verstanden werden. Nach außen hin wurde der Krieg mit Rhetorik über die „Befreiung“ des Iran gerechtfertigt. Dieser Diskurs wurde nicht bloß von außen durch imperiale Gewalt aufgezwungen; insofern ihn bestimmte Teile der iranischen Gesellschaft akzeptierten, war dies das Ergebnis der Verwüstung, die das Regime selbst angerichtet hatte.

Die Tatsache, dass eine offensichtlich zynische Aneignung feministischer und demokratischer Sprache durch einen Siedlerkolonial- und Apartheidsstaat irgendjemandem glaubwürdig erscheinen könnte, ist an sich schon ein Maß für das Ausmaß der Verzweiflung im Iran. Netanjahus groteske Beschwörung der „Freiheit“ ist ein eklatantes Beispiel für die imperiale Vereinnahmung des Diskurses über Befreiung. Die symbolische Vereinnahmung der emanzipatorischen Sprache von „Jin, Jiyan, Azadî“ wurde nicht nur von Teilen der iranischen Rechten begünstigt, sondern auch von bestimmten westlichen liberalen Feministinnen, deren selektive Solidarität mit iranischen Frauen mit ihrem Schweigen über Völkermord, koloniale Herrschaft und Krieg in der Region vereinbar blieb.

Das ist nichts Neues. Wie Wissenschaftler*innen wie Lila Abu-Lughod und Mahmood Mamdani gezeigt haben, haben imperialistische Mächte wiederholt die Sprache der Frauenrechte, des Schutzes von Minderheiten und der Demokratie instrumentalisiert, um militärische Interventionen zu legitimieren – zum Beispiel im Irak und in Afghanistan. Bemerkenswert ist hier das Ausmaß, in dem dieser Diskurs in einer durch autoritäre Herrschaft geschädigten Gesellschaft Resonanz finden konnte. Jahrelange Unterdrückung, ideologischer Zwang und nationalistische Konsolidierung haben das politische Bewusstsein so stark gespalten, dass das, was normalerweise als imperiale Aggression erkannt würde, manchen als die einzig vorstellbare Lösung erscheinen könnte. Dies ist die Folge der systematischen Zerstörung innerer politischer Alternativen. Die Aufgabe der Analyse besteht daher nicht darin, moralische Urteile über diese Wahrnehmung zu fällen, sondern zu verstehen, was sie hervorgebracht hat. Was für ein Regime treibt die Menschen so weit, dass die Bomben eines externen imperialistischen Aggressors weniger unerträglich erscheinen als die Fortsetzung der innenpolitischen Herrschaft?

Hätte das Regime auf „Jin, Jiyan, Azadî“ mit auch nur einem Funken Verantwortungsbewusstsein reagiert oder auch nur den kleinsten Raum für einen demokratischen Wandel geöffnet, wäre die Darstellung des Krieges als Erlösung eine Randerscheinung geblieben. Stattdessen kriminalisierte das Regime abweichende Meinungen, verschärfte die Unterdrückung von Kurd*innen, Belutsch*innen, Frauen und anderen oppositionellen Kräften und stellte jede Forderung nach Gerechtigkeit als ausländische Unterwanderung dar. Damit zerstörte es nicht nur die Voraussetzungen für einen inneren Wandel, sondern bereitete auch den Boden dafür, dass sich imperialistische Mächte unehrlicherweise als Befreier präsentieren konnten. Innerer Autoritarismus und äußerer Militarismus stehen nicht in einem einfachen Gegensatz zueinander; sie bedingen sich gegenseitig, auch wenn sie asymmetrisch bleiben.

Es ist entscheidend, diese Asymmetrie zu betonen. Es ist ein schwerwiegender analytischer und politischer Fehler, Israel und die Islamische Republik als gleichwertige Akteure zu behandeln. Während Israel die volle Unterstützung der Vereinigten Staaten genießt, bleibt es der wichtigste externe Aggressor: ein Siedlerkolonialstaat, der in Gaza Völkermord begeht, die Westbank dauerhaft besetzt hält und ein umfassenderes Projekt der militarisierten regionalen Vorherrschaft verfolgt. Im Gegensatz dazu ist die Islamische Republik nicht der Architekt dieser imperialen Ordnung, sondern eines ihrer Ziele – auch wenn sie ein autoritäres und patriarchales Regime bleibt, das durch seine eigenen expansionistischen, quasi-imperialen Ambitionen (insbesondere in Syrien, wo ihre Intervention zu Massengräueln beitrug) tief in die Militarisierung der Region verwickelt ist. Israel und der Iran sind keine symmetrischen Mächte, aber sie sind tief miteinander verflochten. Jede nutzt auf ihre Weise den Krieg, um Krisen zu bewältigen: Israel, indem es militarisierte Gewalt nach außen richtet, die Islamische Republik, indem sie sich auf externe Bedrohungen beruft, um interne Unterdrückung zu rechtfertigen. In beiden Fällen fungiert der Krieg als konterrevolutionäre Kraft: Er zügelt die Hoffnung, schränkt die politische Vorstellungskraft ein und setzt patriarchale, nationalistische und etatistische Formen der „Ordnung“ wieder durch – gegen den pluralistischen, feministischen und subalternen Horizont, den Jin, Jiyan, Azadî eröffnet haben.

Die politische Herausforderung ist also eine doppelte. Wir müssen dem Imperialismus nicht nur als militärischer Aggression entgegentreten, sondern auch als diskursivem Projekt, das sich die Sprache der Freiheit aneignet, um emanzipatorische Politik zu zerstören. Gleichzeitig müssen wir die innerstaatlichen autoritären Strukturen abbauen, die solche imperialen Aneignungen plausibel erscheinen lassen. Eine der iranischen Gegenwart angemessene Antikriegspolitik muss daher sowohl antiimperialistisch als auch antiautoritär sein. Sie muss die falsche Wahl zwischen Bomben und Massakern, zwischen Verwüstung und Gefängnissen, zwischen ausländischer Intervention und innerstaatlicher Unterdrückung zurückweisen.

Eine solche Politik aufrechtzuerhalten bedeutet, den revolutionären Inhalt von Jin, Jiyan, Azadî als lebendigen politischen Horizont wiederzugewinnen. Dieser Horizont lehnt die Reduzierung von Politik auf Militarismus ab, weigert sich, die Befreiung durch Krieg definieren zu lassen, und verhindert, dass sowohl imperialistische Mächte als auch nationalistische Eliten sich feministische, kurdische und subalterne Kämpfe aneignen. Die Frage ist nicht nur, wie mensch ein autoritäres Regime stürzt, sondern wie mensch verhindert, dass der Sturz der heutigen Ordnung den Weg für die Tyrannei von morgen ebnet. Solange der Wunsch nach Veränderung zwischen innerstaatlichem Autoritarismus und imperialer Aggression gefangen bleibt, wird Zerstörung als Erlösung getarnt.

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Ein abschließendes Wort

Der Iran lässt sich nicht anhand simplistischer Gegensätze verstehen – Regime gegen Opposition, Krieg gegen Frieden, Reform gegen Revolution. Es ist sinnvoller, die gegenwärtige Situation als eine Konfrontation zwischen zwei Horizonten zu begreifen. Der erste, der durch „Jin, Jiyan, Azadî“ eröffnet wurde, ist ein emanzipatorischer Horizont, der auf sozialer Gerechtigkeit, Pluralität und einem Wandel von unten beruht. Der zweite ist ein konterrevolutionärer Horizont, der verschiedene Formen annimmt – theokratisch, reformistisch, monarchistisch, campistisch, militarisiert, imperial.

Autoritarismus stützt sich nicht allein auf Repression. Er funktioniert auch dadurch, dass er Symbole vereinnahmt, linke Alternativen dämonisiert, innere Feinde erfindet, die Vorstellungskraft der Bevölkerung von Möglichkeiten entleert und Krieg als Lösung für Krisen legitimiert. Nach der Niederschlagung des Jina-Aufstands im Jahr 2022 ermöglichten Erschöpfung und Desillusionierung – geprägt von den Erinnerungen an die Jahre 2009, 2017 und 2019 – sowohl der Islamischen Republik als auch Teilen der im Exil lebenden Opposition, staatszentrierte Logiken, seien sie theokratischer oder nationalistischer Natur, wieder durchzusetzen und die revolutionäre Öffnung innerhalb des vertrauten Diskurses über Sicherheit, Männlichkeit und Ethnonationalismus einzudämmen.

Doch die Gewalt der Konterrevolution offenbarte zugleich die Kraft des Aufstands, den sie zu zerschlagen suchte. Wie es in Revolutionen unserer Zeit. Ein internationalistisches Manifest heißt: „Hinter jedem Faschismus verbirgt sich eine gescheiterte Revolution.“ Israels Angriff auf den Iran sowie die begrenzte Unterstützung, die er von Teilen der iranischen Opposition erhalten hat, müssen als reaktionäre Reaktion auf einen abgebrochenen revolutionären Prozess verstanden werden. Die Unterdrückung von „Jin, Jiyan, Azadî“ war nicht das Ende der Bewegung, sondern ein Beweis für ihre politische Kraft. Indem sie die Verflechtung von Geschlecht, Klasse, ethnischer Zuschreibung und Territorium in der autoritären Ordnung des Iran aufdeckte und einen Horizont pluralistischer Solidarität eröffnete, verfolgt sie die Gegenwart weiterhin als latente Alternative zur militarisierten Normalität unserer Zeit.

Wenn wir den Blick zurückwerfen, erkennen wir, dass die Abfolge der Repressionen im vergangenen halben Jahrzehnt einer einzigen Logik folgte. Die revolutionäre Möglichkeit, die sich 2022 eröffnete, wurde zunächst symbolisch von Nationalist*innen angegriffen – darunter reformistische, republikanische, campistische und monarchistische Strömungen, insbesondere in der Diaspora –, dann vom Regime niedergeschlagen, vor allem im Massaker vom Januar 2026, und schließlich vom imperialistischen Krieg im Februar überrollt. In jedem Fall wurde die Möglichkeit eines Iran unterdrückt, der auf Gleichheit, Autonomie, Pluralität, sozialer Gerechtigkeit, der politischen Zentralität von Frauen und queeren Kämpfen sowie der Selbstbestimmung der Bevölkerungsgruppen gegründet wäre.

Externe Intervention vollendet die Revolution nicht. Vielmehr negiert sie diese. Sie verlagert den politischen Schwerpunkt weg vom Kampf der Bevölkerung, schwächt die Voraussetzungen für autonome Organisation und zwingt eine geopolitische Agenda auf, die der internen Dynamik fremd ist. Washington und Tel Aviv wollen keinen freien Iran, sondern einen Iran, der militärisch geschwächt , durch autoritäre Mittel intern stabilisiert und auf eine untergeordnete Position innerhalb der regionalen und globalen Ordnung reduziert ist – einen Iran, der so gezügelt ist, dass er keine geopolitische Bedrohung mehr darstellt, einen Iran, der wieder an den Westen gebunden und ausreichend kontrolliert ist, um die regionale Ordnung nicht zu stören. Sie wollen einen Iran, der nicht in der Lage ist, das Kräfteverhältnis neu zu gestalten, der keinen Einfluss auf den Kapitalfluss, die Einflusskorridore oder den Zugang zu Energieressourcen, insbesondere Öl, ausüben kann. Diese Art von „Stabilität“ ist nicht der Frieden der Völker, sondern die politische Form, die erforderlich ist, um den Iran regierbar und ausbeutbar zu machen, damit er in die globale kapitalistische und imperiale Ordnung integriert werden kann.

Die Zukunft des Iran hängt daher davon ab, die politische Autonomie der populären Kämpfe zu bewahren. Das bedeutet, die Islamische Republik, die monarchistische Restauration, den sich anpassenden Reformismus und die von den imperialen Mächten auferlegte Kriegslogik abzulehnen. Die Herausforderung besteht nicht einfach darin, ein Regime zu beenden, sondern gleichzeitig zu verhindern, dass eine andere Form der Herrschaft entsteht.

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Eine Übersetzung aus dem Buch Aufstand im Iran. Weder Mullahs noch Schah

  1. Die Linke im Iran ist seit jeher in einer starken historischen Tradition verwurzelt, was zum Teil auf die Nähe des Landes zur Sowjetunion und deren Einflusssphäre zurückzuführen ist. Während der Verfassungsära (der iranischen Revolution von 1905–1911) wurden Sozialdemokrat*innen, Bewegungen für soziale Gerechtigkeit und von der Russischen Revolution geprägte Gruppen von konservativen religiösen Kräften, der feudalen Aristokratie und später vom zentralistischen Staat unterdrückt. In den folgenden Jahrzehnten, insbesondere nach der Gründung der Tudeh-Partei in den 1940er Jahren und der Ausbreitung ihres Einflusses unter Arbeiter*innen, Intellektuellen, Frauen und sogar Teilen des Militärs, breitete sich im gesamten Staatsapparat und am Königshof eine strukturelle Angst vor dem Kommunismus aus, die in dem von den USA und Großbritannien unterstützten Staatsstreich von 1953 gipfelte, durch den Premierminister Mohammad Mossadegh gestürzt wurde. Dieser Moment markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der systematischen Unterdrückung der iranischen Linken. 

  2. Mehr dazu erfahrt ihr in diesem Artikel von Yashar Darolshafa, einem linken politischen Aktivisten, der in den letzten Jahren mehr als vier Jahre im iranischen Gefängnis verbracht hat. 

  3. Fariba Adelkhah geht auf die staatliche Gewalt im Januar – ein in der modernen iranischen Geschichte beispielloses Massaker – nur am Rande ein und stellt sie stets in den Kontext von Bedenken hinsichtlich Ordnung, Stabilität, Sicherheit und der Ablehnung ausländischer Einmischung. Indem sie der Regierung ein gewisses Maß an Vertrauen entgegenbringt, strukturell manipulierte Wahlen als „wirklich kompetitiv“ darstellt, den institutionellen Zwang zur Verschleierung herunterspielt und am Ende einer Woche des Blutbads andeutet, dass „vor der Abschaltung des Internets die Debatte im Iran vielleicht noch nie so offen gewesen sei“, entschuldigt sie den iranischen Autoritarismus und spielt die politische Spaltung herunter, die die iranische Gesellschaft seit mindestens 2017 durchzieht. Der Text liest sich weniger wie eine getreue Schilderung der Lage, sonder eher wie der Ausdruck eines persönlichen Wunsches. 

  4. Bei bestimmten nationalen Minderheiten kommt ein weiterer Vorwurf hinzu: Für viele Kurd*innen, Belutsch*innen, Araber*innen und Türk*innen wird die Linke manchmal als eine Form des Mehrheitsnationalismus dargestellt, der am internen Kolonialismus mitschuldig ist.