Hongkong: AnarchistInnen im Widerstand gegen das Auslieferungsgesetz

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Ein Interview

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Seit 1997, als es nicht mehr die letzte große Koloniagebiet Großbritanniens war, gehört Hongkong zur Volksrepublik China und verfügt gleichzeitig über ein eigenes politisches und rechtliches System. Im Februar wurde ein unbeliebtes Gesetz vorgestellt, das es ermöglichen würde, Flüchtlinge in Hongkong in Länder auszuliefern, mit denen die Regierung Hongkongs keine bestehenden Auslieferungsabkommen hat - einschließlich Festlandchina. Am 9. Juni gingen über eine Million Menschen auf die Straße, am 12. Juni nahmen DemonstrantInnen an Konfrontationen mit der Polizei teil, am 16. Juni nahmen zwei Millionen Menschen an der bisher größten Demo in der Geschichte der Stadt teil. Das folgende Interview mit einem anarchistischen Kollektiv aus Hongkong untersucht den Kontext dieser Welle von Unruhen. Unsere KorrespondentInnen greifen auf mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung in den vorangegangenen sozialen Bewegungen zurück, um sich mit den Motivationen, die die TeilnehmerInnen antreiben, auseinanderzusetzen und die neuen Organisations- und Subjektivierungsformen auszuarbeiten, die diese neue Phase des Kampfes ausmachen.

In den Vereinigten Staaten haben sich die jüngsten Massenkämpfe um den Widerstand gegen Donald Trump und die extreme Rechte vereint. In Frankreich brachte die Gilets-Jaunes-Bewegung Anarchistinnen, Linke und rechte Nationalisten auf die Straße gegen Macron’s zentristische Regierung (und gegen einander). In Hongkong sehen wir eine soziale Bewegung gegen einen von der autoritären Linken regierten Staat. Vor welchen Herausforderungen stehen in diesem Zusammenhang GegnerInnen des Kapitalismus und des Staates? Wie können wir Nationalisten, Neoliberale und Pazifisten überflügeln, die versuchen, unsere Bewegungen zu kontrollieren und auszunutzen?

Da China aufsteigt und mit den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union um die globale Hegemonie konkurriert, ist es wichtig, mit Modellen des Widerstands gegen das von ihm vertretene politische Modell zu experimentieren, wobei darauf zu achten ist, dass Neoliberale und Reaktionäre nicht aus der Opposition der Bevölkerung gegen die autoritäre Linke Kapital schlagen. AnarchistInnen in Hongkong sind in einer einzigartigen Position, um dies zu kommentieren.

Die Vorderfront des Hongkonger Polizeipräsidiums in Wan Chai, die am Abend des 21. Juni mit Eigelb bedeckt war. Hunderte von DemonstrantInnen blockierten den Eingang und forderten die bedingungslose Freilassung aller Personen, die im Zusammenhang mit dem bisherigen Kampf verhaftet wurden. Auf dem untenstehenden Banner steht “Niemals aufgeben”. Foto von KWBB vom Tak Cheong Lane Collective.


“Die Linke” ist in Hongkong institutionalisiert und ineffektiv. Im Allgemeinen haben die Liberalen von “Scholarism” und “bürgerliche” Rechten bei Protesten, insbesondere wenn Festlandchina beteiligt ist, die Narrative fest im Griff.

Hat es die Eskalation der Taktiken im Kampf gegen das Auslieferungsgesetz diesen Fraktionen schwer gemacht, die “Bewegung” zu vertreten oder zu verwalten? Hat der Aufstand ihre Fähigkeit, den Diskurs zu gestalten, erweitert oder untergraben? Sind die Ereignisse des vergangenen Monats ein Vorbote ähnlicher Entwicklungen in der Zukunft, oder war dies bereits ein gemeinsames untergründiges Thema bei Unruhen in Hongkong?

Ein Merkmal der Proteste in Hongkong bisher ist, dass das, was passiert ist, nicht wirklich als »Bewegung« beschrieben werden kann. Dafür ist es viel zu wenig kohärent. Ich meine damit, dass im Gegensatz zur so genannten Regenschirm-Bewegung, die sich der Kontrolle ihrer Gründungsarchitekten (der Intellektuellen, die ein Jahr zuvor zu “Occupy Central With Love And Peace” aufriefen) sehr früh entzog. Anders als bei den Protesten von 2014 gibt es keine wirkliche Leiterzählung, die bestimmte Handlungen autorisiert und andere verbietet, kein sorgsam gepflegtes spektakuläres Bild, das weltweit übertragen werden kann. Bisher ist niemand legitimiert, im Namen der Bewegung zu sprechen. Jeder ringt darum, die neue Form der Subjektivität zu begreifen, die vor unseren Augen Gestalt annimmt. Jeder kämpft darum, sich mit einer im Entstehen begriffenen Form der Subjektivität auseinanderzusetzen, die vor uns Gestalt annimmt, nachdem die formalen Aushängeschilder der bereits erwähnten Tendenzen weitgehend marginalisiert wurden. Dazu gehören die “scholaristische” Fraktion der StudentInnen, die heute als “Demosisto” bekannt ist, und die rechten “Nativisten”, die beide nach ihrer Wahl von der Teilnahme am Legislativrat ausgeschlossen wurden.

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Wie sieht diese embryonale Form der Subjektivität aus, welchen Umständen entstammt sie? Unsere Beobachtungen hierzu sind nur vorläufig. Wichtig scheint uns, dass die sichtbaren, anerkannten Protagonist*innen früherer Protestzyklen, darunter politische Parteien, Studentenbewegungen, rechte und populistische Gruppen, besiegt oder diskreditiert wurden. Es ist Feld voller Schatten, verfolgt von Schatten, Echos und dem Gemurmel. Bislang ist die Hauptbühne aber noch unbesetzt.

Das bedeutet, dass die gängigeren, „Standard“-Interpretationsmuster aufgerufen werden, um die Lücke zu schließen. Oft scheint es, als ob wir zu einer unglückliche Wiederholung der Abfolge von Ereignissen verdammt sind, die auch die Umbrella-Bewegung geprägt haben:

  • erschreckende Machtdemonstration der Polizei,
  • die öffentliche Empörung manifestiert sich in riesigen Demos und anschließenden Besetzungen, organisiert und verstanden als fromme Demonstrationen der Staatsbürgertugend,
  • diese Besetzungen werden zu angespannten, puritanischen und paranoiden Zeltlagern, die davon besessen sind, das Verhalten aller zu überwachen, um es mit dem vorgeschriebenen Skript in Einklang zu bringen.
  • die Bewegung bricht zusammen, was zu fünf Jahren Ernüchterung bei jungen Menschen führt, die nicht die theoretischen Mittel haben, ihr Scheitern beim Versuch, allgemeines Wahlrecht zu erkämpfen, anders zu verstehen denn als vernichtende Niederlage.

Selbstverständlich ist dies nur eine sehr holzschnittartige Beschreibung der Regenschirm-Bewegung von vor fünf Jahren – und selbst damals gab es eine beträchtliche Menge an „Exzessen“: neue und emanzipatorische Praktiken und Begegnungen, die nicht in der offiziellen Erzählung aufgingen. Diese Erfahrungen sollten zurückerobert werden, auch wenn dies nicht der richtige Moment oder Ort dafür ist. Was wir jetzt erleben, ist eine weitere Übung in der Mystifizierung, bei der die Protokolle, die jedes Mal in Kraft treten, wenn das soziale Gefüge in eine Krise gerät, die Möglichkeiten, die sich eröffnen, blockieren können. Es wäre jedoch verfrüht anzunehmen, dass dies bald der Fall sein wird.

Bei unserer Lektüre linksradikaler Social Media aus dem Westen haben wir festgestellt, dass Intelligenz und Neugier häufig dem Hang, diesen oder jenen Kampf sofort zu einzuordnen, zum Opfer fallen. Viele „Kommentare“ tendieren zu einem von zwei Polen: leidenschaftliches Abfeiern der Macht proletarischer Intelligenz oder zynische Denunziation ihrer populistischen Vereinnahmung. Keiner von uns kann die Spannung ertragen, sein Urteil über etwas, das sich außerhalb unseres Horizonts abspielt, aufschieben zu müssen. Wir beeilen uns, jemanden zu finden, der diese nebulöse Masse an Informationen in einer Weise ordnet, die wir verstehen und verdauen können – damit wir unsere Unterstützung oder Ablehnung erklären können.

Wir haben keine wirklichen Antworten für alle, die wissen wollen, ob sie sich für das interessieren sollen, was in Hongkong vor sich geht. Aber wir können alle, die daran interessiert sind, zu verstehen, was passiert, bitten, sich die Zeit zu nehmen, ein Verständnis für diese Stadt zu entwickeln. Obwohl wir ihre Politik nicht immer teilen und einige Meinungsverschiedenheiten mit den dort dargestellten Fakten haben, unterstützen wir jede Berichterstattung über die Ereignisse in Hongkong, die Ultra, Nao und Chuang im Laufe der Jahre der englischsprachigen Welt angeboten haben. Ultra’s Arbeit über die Regenschirm-Bewegung ist wahrscheinlich die beste aktuell verfügbare Darstellung der Ereignisse.

Unser Banner bei den Demos, das sich üblicherweise vor unserer Trommelgruppe befindet. Da steht: “Es gibt keine ‘guten Bürger’, nur potenzielle Kriminelle.” Dieses Banner wurde als Reaktion auf die Propaganda der peking-freundlichen etablierten politischen Gruppen in Hongkong erstellt. Diese versicheren “guten Bürgern” mit reinem Gewissen, dass Auslieferungsmaßnahmen nicht diejenigen bedrohen, die sich ruhig um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Foto von WWS von Tak Cheong Lane Collective.

Wenn wir “die Linke“ als einen politischen Akteur verstehen, der Fragen von Arbeit und Klassenkampf in den Mittelpunkt seiner Politik stellt, kann mensch gar nicht mit Sicherheit sagen, das so etwas überhaupt in Hongkong existiert. Selbstverständlich betreiben unsere Freund*innen ausgezeichnete Blogs, und es gibt kleine Gruppen und dergleichen. Sicherlich spricht jeder von der Einkommensungleichheit, der grassierenden Armut, der Kapitalistenklasse, der Tatsache, dass wir alle »打工仔« (JobberInnen, ArbeiterInnen) sind, die ums Überleben kämpfen. Aber wie fast überall sonst ist die primäre Form der Subjektivität und Identifikation, der sich alle anschließen, die Idee der Staatsbürgerschaft in einem nationalen Rahmen. Daraus folgt, dass diese imaginäre Zugehörigkeit auf Negation, Ausgrenzung und Abgrenzung vom Festland beruht. Mensch kann sich die Qualen kaum vorstellen, die es bedeutet, ständig die nervtötenden “Ich bin Hongkonger, kein Chinese“-Shirts in der U-Bahn zu sehen oder, auf den Demonstrationen Stunde um Stunde “Hongkonger: Öl nachfüllen!”-Gesänge (was im Wesentlichen aussagen soll: „alles super, weiter so!“) zu ertragen.

Es sollte die Leser*innen im Ausland interessieren, dass das Wort „links“ in Hongkong zwei Konnotationen hat. Für die Generation unserer Eltern und Großeltern bedeutet „links“ kommunistisch. Deshalb kann sich „links“ auf einen Geschäftsmann beziehen, der Parteimitglied ist, oder auf einen etablierten, notorisch pro-chinesischen Politiker. Für jüngere Menschen ist das Wort „Links“ ein Stigma (oft gekoppelt mit »Plastik«, einem kantonesischen Wort, das wie „Dummkopf“ klingt), das mit einer Generation von AktivistInnen verbunden wird, die in einen früheren Zyklus sozialer Kämpfe involviert waren – darunter Kämpfe gegen den Abriss des Queen’s Ferry Pier im Zentrum, gegen den Bau des Hochgeschwindigkeitszuges durch den Nordosten von Hongkong nach China und gegen die Zerstörung großer Teile des Ackerlandes in den Territorien des Nordostens, die alle mit demoralisierenden Niederlagen endeten. Diese Bewegungen wurden oft von SprecherInnen – meist KünstlerInnen oder NGO-VertreterInnen – angeführt, die taktische Allianzen mit Progressiven in der pan-demokratischen Bewegung schlossen. Die Niederlagen dieser Bewegungen, die auf ihre Vorbehalte gegen direkte Aktionen und ihrer Zurückhaltung und Geduld bei Verhandlungen mit den Behörden zurückzuführen sind, wird dieser Aktivistengeneration nun angelastet. All die Wut und der Frust der in dieser Zeit aufgewachsenen jungen Menschen, die auf die Beschwichtigungen jener Galionsfiguren gehört und jede Niederlage passiv hingenommen haben, haben mit der Zeit eine Orientierung nach Rechts eingeleitet. Selbst Schüler- und Studentenorganisationen, die traditionell Mitte-Links und fortschrittlich waren, sind nun offen nationalistisch.

Ein entscheidender Grundsatz dieser Generation, der auf die massiven Enttäuschungen und Misserfolge zurückgeht, ist ein Fokus auf direkte Aktionen und die konsequente Ablehnung von „Kleingruppendiskussionen“, „Konsens“ und dergleichen. Ein Thema, das erstmals in der Regenschirm-Bewegung auftauchte – vor allem im Camp in Mong Kok, wo die Möglichkeiten am größten waren, aber wo sich leider auch die Rechte fest etablieren konnte. Das Misstrauen gegenüber der vorherigen Generation ist nach wie vor groß. So haben sich beispielsweise am Nachmittag des 12. Juni, mitten in den Straßenkämpfen zwischen Polizei und DemonstrantInnen, mehrere Mitglieder einer sozialdemokratischen Partei damit beschäftigt, Informationen über das Mikrofon an die Leute in den ersten Reihen weiterzugeben und ihnen mitzuteilen, wohin sie sich zurückziehen sollen, welche Löcher an der Front sie füllen müssen und ähnliche Informationen. Wegen des Misstrauens gegenüber Parteien, PolitikerInnen, professionellen AktivistInnen und ihren Zielen ignorierten viele diese Anweisungen und verließen sich stattdessen auf Mundpropaganda oder Informationen, die in Online-Messaging-Gruppen zirkulieren.1

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass der Gründungsmythos dieser Stadt darin besteht, dass DissidentInnen vor der kommunistischen Verfolgung geflohen sind, um eine Oase des Reichtums und der Freiheit zu erbauen, eine Festung der bürgerlichen Freiheiten, geschützt durch die Herrschaft des Rechtsstaats. In Anbetracht dessen könnte mensch ganz banal sagen, dass viele in Hongkong sich bereits als in Rebellion begriffen verstehen: durch ihre Lebensweise, durch die Freiheiten, die sie genießen, und dass sie diese Identität, so hohl und dürftig sie auch sein mag, als einen Besitz betrachten, der um jeden Preis verteidigt werden muss. Unnötig zu erwähnen, dass ein Großteil des tatsächlichen „Reichtums“, der diese Stadt ausmacht, seine interessantesten (und oft ärmsten) Viertel, die informellen Clubs, Studios und Wohnorte, das Ackerland in den Nordost-Territorien, historische Mauerdörfer etc. – geplündert und Stück für Stück von staatlichen und privaten BauunternehmerInnen zerstört werden, was die entrüsteten BürgerInnen mit schallender Gleichgültigkeit quittierten.

Wenn es den Liberalen gelingt, ihre Kalte-Kriegs-Rhetorik von der Verteidigung bürgerlicher Freiheiten und Menschenrechte vor der heranrückenden Roten Flut zu verbreiten, und rechtspopulistische Aufrufe zur Verteidigung unserer Identität ebenfalls an Zuspruch gewinnen, dann aus diesen historischen Gründen. Betrachten wir den Zeitpunkt dieses Kampfes, wie er explodierte, als Bilder von Polizeigewalt und Verhaftungen junger StudentInnen viral gingen – eine perfekte Wiederholung des Auftakts zur Regenschirm-Bewegung. Dies geschah nur eine Woche nach der jährlichen Mahnwache zum Gedenken an die Opfer des Massakers von Tiananmen am 4. Juni 1989. Ein Datum, an das mnesch sich in Hongkong erinnerte, als die Panzer gerufen wurden, um über die StudentInnen zu fahren, die sich friedlich in einem Plädoyer für die bürgerlichen Freiheiten versammelten. Es ist kaum möglich, die Tiefe dieser Wunde, dieses Traumas, in der Bildung der populären Psyche zu übertreiben; dies wurde nun nach Hause gebracht, als sich Tausende von Müttern in der Öffentlichkeit versammelten, in einer fast perfekten Spiegelung der Mütter des Tiananmen, um sich öffentlich um die verschwundene Zukunft ihrer Kinder zu sorgen, die jetzt im Schatten des kommunistischen Monolithen verdunkelt ist. Es verblüfft zu sehen, dass die Polizei - nicht jetzt einmal, sondern zweimal - das größte aller Tabus gebrochen hat: das Feuer auf die Jugend zu eröffnen.

In Anbetracht dessen wäre es naiv zu behaupten, dass bis jetzt etwas Wesentliches passiert wäre, was den “Würgegriff”, der von euch so genannten “scholaristische” Liberalen und “bürgerliche” Rechten lösen und ihnen nicht mehr ermöglichen würde die Erzählung zu beeinflussen. Beide Fraktionen, sowohl die studentenbewegten Liberalen als auch die nationalistische Rechte, sind lediglich Symptome einer Grundbedingung, Aspekte einer Ideologie, die in der Praxis angegriffen und auseinander genommen werden muss. Vielleicht sollten wir uns das, was gerade geschieht, als eine Art öffentliche Psychoanalyse vorstellen, wobei die Psychopathologie unserer Stadt in vollem Umfang sichtbar wird, und die Aktionen, die wir gemeinsam durchführen, als Chance sehen, Traumata, Manien und obsessive Komplexe gemeinsam durchzuarbeiten. Auch wenn es zweifellos bestürzend ist, dass die Dynamik und Moral dieses Kampfes im gesamten sozialen Spektrum durch eine ständige Anrufung des „Hongkonger Volkes“ flankiert wird, das dazu angespornt wird, sein Zuhause um jeden Preis zu schützen, und obwohl diese zutiefst beunruhigende Einstimmigkeit viele Probleme überdeckt2, akzeptieren wir die Unruhen und die Katastrophe unserer Zeit, die Notwendigkeit, in Situationen einzugreifen, die wir nie selbst werden bestimmen können. So düster die Dinge auch scheinen mögen, dieser Kampf bietet eine Chance für neue Begegnungen, für die Entwicklung neuer grammatikalischer Grundlagen.

Graffiti, die mensch bei der Straßenbesetzung im Stadtgebiet in der Nähe des Regierungsviertels gesehen hat, mit der Aufschrift “Nimm eine Dose Farbe mit, es ist ein Mittel gegen Tollwut bei Hunden”. Cops werden hier im Volksmund als “Hunde” bezeichnet. Foto von WWS von Tak Cheong Lane Collective.

Was ist mit dem Diskurs der Bürgerlichkeit in der Zeit zwischen der Regenschirm-Bewegung und Jetzt passiert? Hat er sich zurückgezogen, erweitert, ist er zerfallen, hat er sich verwandelt?

Das ist eine interessante Frage. Vielleicht das Wichtigste, was wir über die aktuelle Situation berichten können: dass, als ein kleiner Teil der Demonstranten versuchte, am 9. Juni nach einer ganztägigen Demonstration in den Legislativrat einzudringen, das – erstaunlicherweise – nicht allgemein als Wahnsinnstat oder noch schlimmer: als das Werk chinesischer oder polizeilicher Provokateure kritisiert wurde. Vor allem, weil am 9. und 12. Juni, den beiden Versuchen, in das Gebäude des Legislativrates einzudringen, die Legislativversammlung nicht tagte; es wurde also versucht, in ein leeres Gebäude einzudringen.

So groß unsere Vorbehalte hinsichtlich der Wirksamkeit einer solchen Aktion sind, ist das doch außergewöhnlich, wenn mensch bedenkt, dass der letzte Versuch,3 so etwas zu tun (bei einem Protest gegen Bauvorhaben in den Territorien des Nordostens kurz vor der Regenschirm-Bewegung), während der Sitzungen stattfand und weitgehend verurteilt oder ignoriert4 wurde. Einige mögen vermuten, dass das Erbe der Sonnenblumenbewegung in Taiwan für viele hier eine große Inspiration bleibt; andere mögen sagen, dass die drohende Gefahr der chinesischen Annexion die Öffentlichkeit anspornt, verzweifelte Maßnahmen zu unterstützen, die sie sonst ablehnen würden.

Aufständischen, die Parlamente, Präsidentenpaläste und Sitze anderer Institutionen zu belagern wie in der Ukraine, in Libyen oder Wisconsin, bemerken sie jedoch, dass die Orte leer sind, leer an Macht, und geschmacklos eingerichtet. Wenn man dem »Volk« verbietet, sie zu stürmen, dann nicht, um es daran zu hindern, »die Macht zu übernehmen«, sondern um zu vermeiden, dass es begreift, dass die Macht nicht mehr in den Institutionen liegt. Da gibt es nichts als verlassene Tempel, stillgelegte Festungen, bloßes Dekor – aber wahre Köder für Revolutionäre.« –Unsichtbares Komitee, An unsere Freunde

Am Nachmittag des 12. Juni, als Zehntausende Menschen plötzlich von der Polizei angegriffen wurden und zu fliehen versuchten, um den Plastikgeschossen und dem Tränengas zu entkommen, verurteilte niemand die Maskierten, die gegen die vorrückende Polizei kämpften und die Tränengasgranaten neutralisierten. Zwischen den „friedlichen“ Demonstrantinnen (von den meisten von uns auf der anderen Seite abwertend als „friedliche, rationale, gewaltfreie Trottel“ bezeichnet) und den „militanten“ Demonstrantinnen, die an direkte Aktionen glauben, besteht seit langem eine scheinbar unüberwindbare Kluft. Jede Seite neigt dazu, die andere mit Misstrauen zu betrachten.

DemonstrantInnen, die Materialien transportieren, um Barrikaden zu bauen. Das Graffiti an der Wand kann grob (und großzügig) übersetzt werden mit “Hong Kongers ain’t nuthin’ to fuck wit’.” Foto von WWS von Tak Cheong Lane Collective.

Das Online-Forum lihkg hat als zentrale Anlaufstelle für junge Menschen fungiert, um sich zu organisieren, politische Scharmützel auszutragen und Informationen über den Kampf zu verbreiten. Zum ersten Mal widmeten sich eine ganze Reihe von Threads auf dieser Website dem Versuch, diese Kluft zu überbrücken, oder zumindest der Pflege des Respekts für diejenigen, die jeden Sonntag nur zu den Demos erscheinen – schon deshalb, weil Demos, die Millionen von Menschen umfassen und Teile der Stadt vorübergehend zum Stillstand bringen, eine ziemlich große Sache sind, so langweilig sie auch sein mögen. Das letzte Mal, als die Demos fast so groß waren, trat ein Chief Executive zurück, und die Änderung eines Gesetzes über die Meinungsfreiheit wurde auf Eis gelegt. Alle möglichen Gruppen versuchen, nach ihren Möglichkeiten zum Kampf beizutragen, am bemerkenswertesten ist vielleicht die Gemeinde der ChristInnen, die sich vor den Polizeireihen des Legislativrates versammelt haben, um gnadenlos anderthalb Wochen lang das gleiche Lied zu singen. Diese Hymne ist zu einem Refrain geworden, der in zukünftigen Kämpfen nachklingen wird – im Guten wie im Schlechten.

Gibt es in dieser Bewegung klare Öffnungspunkte oder Fluchtlinien, die Interventionen ermöglichen, die die Macht der Polizei, des Gesetzes, der Ware untergraben, ohne ein militantes Subjekt zu produzieren, das einfach identifiziert und entfernt werden kann?

Es ist schwierig diese Frage zu beantworten. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Menschen, die sich an diesem Kampf beteiligen, Lohnabhängige sind – ProletarierInnen, deren Leben durch seelenlose Jobs gestohlen wird, die immer mehr von ihrem Lohn ausgeben müssen, um die Mieten zahlen, die durch immer neue Gentrifizierungsprojekte von StaatsbeamtInnen und privaten Immobilienunternehmen (was oft dasselbe ist) immer weiter in die Höhe schießen – muss mensch sich vor Augen halten, dass die „freie Marktwirtschaft“ von vielen als zentrales Merkmal der kulturellen Identität Hongkongs angesehen wird, das „uns“ von dem von der Kommunistischen Partei verwalteten „roten“ Kapitalismus unterscheidet. Was derzeit in Hongkong existiert, ist, für einige Menschen, bei weitem nicht ideal; wenn man „die Reichen“ sagt, ruft das jedoch Bilder von Tycoon-Kartellen und Monopolen, von kommunistischen Speichelleckern auf, die einen Pakt mit der Partei geschlossen haben, um sich vom Blut der Armen zu nähren.

So wie viele Menschen hier leidenschaftlich für eine Regierung sind, die „wirklich für uns“ ist – einschließlich der Polizei –, wünschen sie sich auch einen Kapitalismus, der „wirklich für uns“ arbeitet: einen Kapitalismus frei von Korruption, politischer Gängelung und dergleichen. Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen, aber wie jede Gemeinschaft, das sich an einem Gründungsmythos festhält, bei dem Pioniere vor Verfolgung fliehen und unter großen Opfern und im Schweiße ihres Angesichts ein Land der Freiheit und des Wohlstands aufbauen … naja, es ist leicht zu verstehen, warum dieser Mythos einen so starken Einfluss auf die Fantasie ausübt.

Dies ist eine Stadt, die Unternehmertum und Privatwirtschaft vehement verteidigt und das Sich-Durchschlagen als den Modus versteht, wie mensch seinen Lebensunterhalt bestreitet, eine Taktik im Überlebenskampf. Dieser düstere Sinn des Lebens als Überleben ist in unserer Sprache allgegenwärtig; wenn wir von „Arbeiten“ sprechen, verwenden wir den Begriff »搵食«, was wörtlich bedeutet, »nach unserer nächsten Mahlzeit suchen«. Das erklärt, warum sich DemonstrantInnen traditionell viel Mühe geben, die arbeitende Bevölkerung nicht durch Maßnahmen wie die Blockade einer Straße zu verschrecken, auf der Busse fahren, die PendlerInnen nach Hause transportieren.

Obwohl uns klar ist, dass ein Großteil unseres Lebens durch Arbeit bestimmt, von der Arbeit aufgefressen wird, wagt niemand, die Ablehnung der Arbeit zu propagieren, sich der Erniedrigung zu widersetzen, als Produzenten-Konsumenten unter dem Kommando der Ware behandelt zu werden. PolizistInnen werden „Kettenhunde“ eines bösen, totalitären Imperiums genannt und nicht das, was sie eigentlich sind: Fußtruppen für die Herrschaft des Eigentums.

Neu in der aktuellen Situation ist, dass viele Menschen akzeptieren, dass Solidarität mit dem Kampf, auch wenn sie nur geringfügig ist,5 zur Verhaftung führen kann. Mensch kann ohne Übertreibung sagen, dass wir eine Generation erleben, die auf Inhaftierung vorbereitet ist, eine Haltung, die früher auf „professionelle Aktivist*innen“ an der Spitze sozialer Bewegungen beschränkt war. Gleichzeitig gibt es keine Diskussion darüber, was Staat und Recht eigentlich sind, wie sie funktionieren, oder welche Legitimität Polizei und Gefängnisse als Institutionen haben. Die Menschen haben einfach das Gefühl, dass sie über das Gesetz hinausgehen müssen – um die Heiligkeit des Gesetzes zu bewahren, das von korrupten Kommunisten verletzt und entehrt wurde.

Es ist jedoch wichtig festzustellen, dass dies das erste Mal ist, dass Vorschläge für Streiks in verschiedenen Sektoren und Generalstreiks zu einem Thema gemacht werden, das oberflächlich gesehen nichts mit Arbeit zu tun hat.

Unsere Freunde in der Sektion “Hausfrauen gegen die Auslieferung” auf der Demo am 9. Juni. Das Bild zeigt eine Gruppe von Hausfrauen, von denen viele zum ersten Mal auf der Straße waren. Foto von WWS von Tak Cheong Lane Collective.

Wie reproduzieren sich Barrikaden und Besetzungen wie die von vor wenigen Tagen im Kontext von Hongkong?

Barrikaden sind heute einfach ganz normal und werden schnell und effektiv errichtet. Allerdings entsteht ein schleichendes Gefühl, dass Besetzungen zur Routine werden, anstrengend und letztlich ineffizient sind. Interessant ist, dass die Menschen wirklich viel Zeit damit verbringen, darüber nachzudenken, was „funktioniert“, was den geringsten Aufwand erfordert und den maximalen Effekt dabei erzielt, Teile der Stadt lahmzulegen oder den Verkehr zu unterbrechen – anstatt darüber, was die größte moralische Wirkung auf eine imaginäre „Öffentlichkeit“ haben könnte, die die Ereignisse aus sicherem Abstand, vom heimischen Sofa aus verfolgt oder gar andersherum darüber was sich am militansten ‘anfühlt’.

Es gab viele Vorschläge für „non-kooperative“ Aktionen wie die Störung einer ganzen U-Bahn durch koordinierte Gruppen, die die Wagen mit Personen und Gepäck verstopfen, oder die Auflösung von Bankkonten und massenhafte Abhebungen, um Inflation zu erzeugen. Einige haben Vorschläge verbreitet, wie mnesch sich der Steuerzahlung für den Rest seines Lebens entziehen kann. Das mag nicht nach viel klingen, aber interessant ist die unermüdliche Verbreitung von Vorschlägen, in allen möglichen Stadtvierteln, von Menschen mit unterschiedlichen Fachkenntnissen, darüber, wie Menschen dort, wo sie leben oder arbeiten, in ihrem Alltag eigeninitiativ handeln können, statt sich „den Kampf“ nur als etwas vorzustellen, das von maskierten, körperlich fitten jungen Menschen auf der Straße geführt wird.

Diese gewaltige Übung in kollektiver Intelligenz ist unglaublich beeindruckend – eine Aktion kann in einer Messengergruppe oder einem anonymen Board-Thread vorgeschlagen werden, ein paar Leute organisieren sich, und es wird ohne großes Hin und Her gemacht. Aktionsformen werden ausprobiert, modifiziert, dann verbreiten sie sich einfach weiter.

Im Westen haben Leninisten und Maoisten Zeter und Mordio über »CIA Psyop« oder »vom Westen gedeckte Farbrevolution« geschrien. Haben Kräfte in Hongkong das Thema vor Ort auf einer narrativen Ebene angesprochen?

Das ist eigentlich die offizielle Linie der Regierungspräsidentin Carrie Lam, die wiederholt gesagt hat, dass sie die Ereignisse der vergangenen Woche als aufrührerisches Verhalten betrachtet, das von ausländischen Interessen angeheizt wird, die eine „Farbrevolution“ in der Stadt anzetteln wollen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie diese Zeile wiederholen würde, jetzt, da sie sich öffentlich dafür entschuldigt hat, dass sie „Widersprüche erzeugt hat“, aber trotzdem – es ist urkomisch, dass Tankies genau die gleiche Meinung vertreten wie unser formales Staatsoberhaupt.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass verschiedene prodemokratische NGOs, Parteien und Think Tanks Finanzmittel aus den USA erhalten. Das ist kein okkulte Verschwörungstheorie, von der nur Tankies wissen. Aber diese Tankies behaupten, dass die Plattform, die die Demos koordiniert – ein breites Bündnis von politischen Parteien, NGOs und dergleichen – auch die ideologische Speerspitze und Architektin der „Bewegung“ sei, was einfach ein riesiges Missverständnis ist. Diese Plattform wurde von den Tendenzen der „direkten Aktion“, die sich überall um uns herum bilden, weithin kritisiert und verspottet, und erst in jüngster Zeit gibt es, leicht missgünstige Threads im Internet, die ihnen indirektes Lob dafür aussprechen, dass sie Demos koordinieren können, die tatsächlich etwas bewirken. Wenn Tankies nur aufhören würden, alle wie hirnlose neokoloniale Schafe zu behandeln, die nur auf die kryptischen Kommandos westlicher imperialistischer Geheimdienste warten.

Allerdings wäre es unehrlich, nicht zu erwähnen, dass es neben Messageboards, die über die Feinheiten von Direkten Aktionen im Ausland diskutieren, auch Threads gibt, die alle auf die Tatsache aufmerksam machen, dass Stimmen im Weißen Haus ihre Ablehnung des Gesetzes zum Ausdruck gebracht haben. Einige haben das sogar gefeiert. Auch gibt es eine wirklich verrückte Petition, die auf Facebook zirkuliert, um Leute dazu zu bringen, an das Weiße Haus zu appellieren, militärisch zu intervenieren. Ich bin sicher, mensch würde solche Dingen in jedem Kampf dieser Größenordnung in jeder nicht-westlichen Stadt finden. Das sind keine Kriegstreiber, die imperialistische Manipulation befürworten, es sind Randerscheinungen, nicht die treibenden Kräfte hinter den Ereignissen.

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Sind Slogans, Neologismen, neuer Slang, öffentliche Sprechorte oder lustige Sätze entstanden, die für die Situation einzigartig sind?

Ja, viele, aber wir sind uns nicht sicher, wie wir sie übersetzen sollen. Aber die Kraft, die diese Meme erzeugt, die all diese Whatsapp- und Telegrammaufkleber und Schlagworte inspiriert, ist eigentlich die Polizei.

Während sie Menschen mit Plastikgeschossen Augen ausgeschossen haben, ihre Schlagstöcke geschwungen haben und wahllos Tränengaskanister auf Kopf- oder Leistenhöhe verschossen haben, fanden sie auch die Zeit, einige rhetorische Perlen zu äußern, die ihren Weg zu T-Shirts gefunden haben. Eine dieser Bons Mots ist die eher unglückliche und politisch inkorrekte “liberale Fotze”. In der Hitze eines Gefechts zwischen Polizei und DemonstrantInnen beschimpfte ein Polizist jemanden an der Front mit diesen Worten. Alle unsere Schimpfwörter auf Kantonesisch drehen sich leider um männliche und weibliche Genitalien; wir haben einige Worte für den Privatbereich. Im Kantonesischen klingt diese Formulierung nicht so heftig wie im Englischen oder Deutschen. Auf Kantonesisch, klingt “liberal” und “Fotze” geradezu lächerlich, auf eine positive Weise.

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Steht dieser Aufruhr in Zusammenhang mit den Unruhen um die “Fishball Riots” oder der Autonomie Hongkongs von vor einigen Jahren?

A: Die “Fishball Riots” waren in vielerlei Hinsicht eine anschauliche Lektion, besonders für Menschen wie uns, die sich in einiger Entfernung von den Beteiligten befanden. Es war eine sich steigerende Explosion der Wut gegen die Polizei, ein völlig unerwarteter Nachbeben nach dem Zusammenbruch der Regenschirmbewegung. Eine ganze Gruppe, die einstigen Lieblinge der rechten Jugend überall, “Hong Kong Indigenous”, verdankt diesem Aufstand ihre ganze Karriere. Sie stellten absolut sicher, dass jeder wusste, dass sie anwesend waren, tauchten in Uniform auf und schwenkten ihre königsblauen Fahnen. Sie wurden ins Amt gewählt, disqualifiziert und inhaftiert - eines der zentralen Mitglieder beantragt nun Asyl in Deutschland, wo seine Ansichten über die Unabhängigkeit Hongkongs offenbar im Zuge des Treffens mit den deutschen Grünen deutlich softer geworden sind. Das ist frisch im Gedächtnis der Leute, die wissen, dass Unsichtbarkeit jetzt von größter Bedeutung ist.

Wie hat sich die Freilassung von Joshua Wong ausgewirkt?

A: Wir sind uns nicht sicher, wie überrascht die LeserInnen aus Übersee sein werden, nachdem sie vielleicht diesen schrecklichen Dokumentarfilm über Joshua Wong auf Netflix gesehen haben, festzustellen, dass seine Freilassung überhaupt nicht zu viel Tamtam geführt hat. Demosisto gelten als die “Left Plastic” unter den neuen Schülern.

Funktionieren die poluistischen Fraktionen als reale Kraft zur Widerherstellung der Ordnung?

A: Alles, was wir oben geschrieben haben, zeigt, wie, obwohl sich der Kampf derzeit dem Griff jeder etablierten Gruppe, Partei und Organisation entzieht, sein Inhalt standardmäßig populistisch ist. Der Kampf hat enorme Dimensionen erreicht und eine große Bandbreite von Akteuren hineingezogen; im Moment erweitert er sich minütlich. Aber es wird wenig darüber nachgedacht, dass viele derjenigen, die am offensichtlichsten und unmittelbarsten von dem Gesetz betroffen sind, Menschen sein werden, deren Arbeit auf der anderen Seite der Grenze stattfindet - es wird wenking mit ArbeiterInnen aus Shenzhen zusammengearbeitet und ihnen Hilfe angeboten, als Beispiel.

Niemand weiß sicher, wie sich das Gesetz tatsächlich auswirken wird. Selbst die Einschätzungen von professionellen AnwältInnen variieren stark. Das gibt Initiativen, die sich selbst als „Stimmen des Volkes“6 bezeichnen, viel Raum, das gesamte Thema so zu framen, dass es lediglich um die Gefährdung der verfassungsmäßigen Autonomie Hongkongs geht und sich eine ganze Stadt gegen die Einführung eines umfassenden Überwachungsstaates auflehnt.

Wenn mensch die Message Boards durchsieht und sich mit Menschen rund um den Regierungskomplex unterhält, könnte mensch meinen, dass die Einführung des Gesetzes bedeutet, dass schon dissidente Online-Äußerungen oder Textnachrichten an FreundInnen auf dem Festland zur Auslieferung führen könnten. Das ist bei weitem nicht der Fall, jedenfalls steht das so nicht im Gesetz. Aber die Ereignisse der letzten Jahre – BuchhändlerInnen in Hongkong, die wegen des Verkaufs von auf dem Festland verbotenen Publikationen verschwunden sind, oder AktivistInnen, die beim Grenzübertritt festgenommen und allem Kontakt beraubt wurden – bieten wenig Anlass, einer Partei zu vertrauen, die Anklagen zusammenzimmert und das Gesetz missachtet, wann immer es ihr in den Kram passt. Wer weiß, was sie tun wird, wenn es sogar eine offizielle Genehmigung dafür gibt.

Paranoia setzt immer dann ein, wenn das Thema China zur Sprache kommt. Am Abend des 12. Juni, als sich die Tränengaswolken aufzulösen begannen, wurde der Gründer einer Telegramm-Nachrichtengruppe mit über 10.000 aktiven Mitgliedern von der Polizei verhaftet, die ihm befahl, sein Telefon zu öffnen. Laut seiner Aussage wurde ihm gesagt, dass sie, selbst wenn er sich weigerte, sein Handy trotzdem hacken würden. Später berichteten die Nachrichten, dass er zu diesem Zeitpunkt ein Xiaomi-Telefon benutzte. Diese Nachricht ging viral, mit vielen Kommentaren, dass seine Wahl des Telefons sowohl wagemutig als auch idiotisch war, da eine Urban Legend besagt, dass Xiaomi-Telefone nicht nur eine “Hintertür” haben, die es Xiaomi erlaubt, auf die Informationen auf jedem ihrer Telefone zuzugreifen und die Kontrolle über die Informationen darin zu übernehmen, sondern dass Xiaomi - dank seiner Server in China - alle auf seiner Cloud gespeicherten Informationen in die Datenbank der Obersten der Partei hochlädt. Es ist aussichtslos vorzuschlagen, dass BenutzerInnen, die sich um solche Dinge sorgen, Maßnahmen ergreifen können, um Hintertüren abzudichten, oder dass das Leaken von Hintergrundinformationen durch einfaches Überprüfen der Datennutzung auf ihrem Telefon erkannt werden kann. Xiaomi wird effektiv als ein professionell entwickeltes kommunistisches Ortungsgerät angesehen, und Argumente darüber sind nicht mehr technisch, sondern ideologisch bis hin zum Aberglauben.

Diese “Post-Wahrheit”-Dimension dieses Kampfes, verbunden mit all den psychopathologischen Faktoren, die wir oben aufgezählt haben, macht alles, was geschieht, noch verwirrender, noch überwältigender. Seit so langer Zeit sind Phantasmen der Antrieb für soziale Kämpfe in dieser Stadt - das Phantasma einer nationalen Gemeinschaft: urban, freidenkerisch, zivilisiert; das Phantasma demokratischer Wahlen. Wann immer diese affirmativen Phantasmen gefährdet werden, werden sie verteidigt und in der Öffentlichkeit inszeniert, und die Verkaufszahlen für „I Am Hongkonger“ [sic] gehen durch die Decke.

Das verleiht den Ereignissen einen ausgesprochen konservativen, reaktionären Beigeschmack, egal wie radikal und dezentral die neuen Aktionsformen sind. Alles, was wir als Kollektiv tun können, ist, Subversion in diese Fantasie zu mischen, ihre Leere vorzuführen.

Zu diesem Zeitpunkt fühlt es sich surreal an, dass jeder um uns herum so sicher zu sein scheint, was zu tun ist – das Gesetz mit allen verfügbaren Mitteln bekämpfen –, während die Gründe dafür hoffnungslos unklar bleiben. Es könnte durchaus sein, dass diese erstickende Unklarheit unser Schicksal ist, in dieser Phase, in der es um immer mehr Aktion, weniger Gespräch, um die Notwendigkeit geht, ständig auf dem Laufenden zu bleiben und auf den Informationsfluss zu reagieren, der sich um uns herum permanent beschleunigt.

Aber auf so viele Arten ist das, was um uns herum geschieht, eine Erfüllung dessen, wovon wir seit Jahren geträumt haben. So viele beklagen den „Mangel an politischer Führung“, aber die Wahrheit ist, dass diejenigen, die es gewohnt sind, ProtagonistInnen von Kämpfen zu sein, einschließlich uns selber als Kollektiv, von den Ereignissen völlig überrannt wurden. Es geht nicht mehr nur um eine winzige Szene von AktivistInnen, die Taktiken und Programme zusammenstellen und versuchen, sie an die Öffentlichkeit zu tragen. „Die Öffentlichkeit“ handelt überall um uns herum, tauscht Techniken aus, entwickelt Wege, um der Überwachung zu entgehen, um nicht verhaftet zu werden. Es ist jetzt möglich, an einem Nachmittag mehr über die Bekämpfung der Polizei zu lernen als wir es in einigen Jahren zuvor getan haben.

Ist es inmitten dieser atemlosen Beschleunigung möglich, einen anderen Rhythmus einzuführen, in dem wir gemeinsam darüber nachdenken können, was aus uns geworden ist und was wir werden, wenn wir kopfüber in den Tumult stürzen?

Wie immer stehen wir hier, kämpfen mit unseren Nachbarinnen und suchen leidenschaftlich nach Freunden.


Handschriftliche Erklärungen von DemonstrantInnen, verwittert nach einem Nachmittag starken Regens. Foto von WWS von Tak Cheong Lane Collective.

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Weitere Stimmen der Bewegung

Dieser Artikel basiert auf der Roh-Übersetzung der Analyse & Kritik, die eine gekürzte Version veröffentlicht hat.

(Es wurde mit Binnen-I gegendert, da die Formatierung bei Sternchen oder Unterstrich durcheinander gekommen wäre.)

  1. Nachdem er den Vorentwurf dieses Artikels diskutiert hatte, äußerte eine von uns Vorbehalte gegen diese Aussage und erklärte, dass es sich nicht um eine völlig genaue Darstellung der Ereignisse handele. Während etliche Menschen die Anweisungen der Mikrophonhalter ignorierten, waren andere empfänglich für sie, berücksichtigten sie und empfingen gleichzeitig Informationsströme von verschiedenen Messenger-Kanälen. Mensch muss sich daran erinnern, dass ein erheblicher Teil der Menschen, die auf die Straße gegangen sind, zum ersten Mal dort draußen sind und nicht selten von Panik überwältigt werden können - es gab zum Beispiel Szenen von jungen Menschen, die in Tränen vor den Polizeilreihen zusammengebrochen sind und von anderen aus der Schusslinie gebracht werden mussten. Es lohnt sich auch, unsere eigenen Erfahrungen vom 21. Juni zu schildern, als mehrere Blockaden von Regierungsgebäuden von Demonstranten organisiert wurden, nachdem der Generaldirektor nicht auf ein populäres Ultimatum reagiert hatte. An diesem Nachmittag waren Hunderte von DemonstrantInnen beteiligt, die schnell und spontan Vorschläge machten, diskutierten, bewerteten und Entscheidungen trafen. Damit wird die Behauptung entkräftet, dass diese neue Generation aus Angst vor Kooptierung die Diskussion einfach ablehnt. Na klar gibt es zweifelhafte Phänomene bei diesem Versuch, Entscheidungsstrukturen in einem sozialen Kampf zu schaffen - die Besetzung des Eingangs zum Polizeipräsidium in Hongkong, die sich bis in den Abend hinein erstreckte, wurde zu einem kleinen Debakel, als eine Debatte darüber, ob die Besetzung fortgesetzt werden sollte, zur Abstimmung gestellt wurde. Mensch fragt sich auch, ob es die die führerlose, amorphe Natur der Bewegung (bestehend vorrangig aus unerfahrenen Menschen), ist, die zu dazu bringt praktisch Dinge zu erproben, die sie auch eventuell in Gefahr bringen - am Nachmittag des 21. war es Joshua Wong, der verstreute DemonstrantInnen versammelte, um sich vor dem Polizeipräsidium zu versammeln. Wir vermuten, dass diese Versammlungen statt fanden, eher weil alle ohne eine klare Vorstellung davon, was sie tun könnten, in die Gegend gekommen waren, als mit der Person Josua Wong selbst, aber man es bleiben Fragen. 

  2. Wenn wir über die Probleme nachdenken, die sich hinter der scheinbaren gemeinsamen Anrufung des “Hongkonger Volkes” verbergen, könnten wir zunächst damit anfangen, wer denn in diesem Rahmen, die Stadt, dieses imaginäre Subjekt ist. Wir haben nepalesische und pakistanische Bürder und Schwestern auf den Straßen gesehen, aber sie zögern, ihre Anwesenheit bekannt zu machen, aus Angst, beschuldigt zu werden, von der Polizei als Schläger beschäftigt gewesen zu sein. 

  3. »Die Orte der institutionellen Macht üben eine magnetische Anziehungskraft auf Revolutionäre aus. Gelingt es den 

  4. Übrigens war dieser Versuch viel spontaner und erfolgreicher. Die Polizei hatte sich kaum vorgestellen können, dass Menschenmassen, die friedlich mit dem gesengtem Kopf und sich hilflos fühlend, während die Entwicklungen genehmigt wurden, plötzlich versuchten, die Ratstüren mit Gewalt zu stürmen und einige der Fenster zu zerstören. 

  5. In der Nacht des 11. Juni wurden junge KundInnen in einem McDonald’s im Stadtgebiet durchsucht und ihre Ausweise registriert. Am 12. Juni ging ein Video viral, das einen jungen Mann zeigt, der eine Kiste mit abgefülltem Wasser zu den DemonstrantInnen transportieren will, und von einer Gruppe von Polizisten mit Schlagstöcken brutal zusammengeschlagen wurde. 

  6. Um zwei ziemlich unterschiedliche Beispiele zu nennen: dazu gehören die populistische, xenophobe und vehement antikommunistische Apple Daily und die “Hong Kong Free Press”, ein unabhängiges englischsprachiges Online-Schmierblatt der “wütenden liberalen” Fraktion von AuswanderInnen, der eine Affinität zu jungen lokalistisch-nativistischen Führern hat.