Schock des Sieges & Was ist der Sinn, wenn wir nicht Spaß haben können?

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Zwei Essays von David Graeber – und ein kurzer Nachruf

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Heute trauern wir um unseren Freund und Gefährten David Graeber – einen unermüdlichen, einfühlsamen und weitsichtigen Denker. Ihm zu Ehren veröffentlichen wir seinen Aufsatz »Der Schock des Sieges«, den er für die fünfte Ausgabe unserer Zeitschrift »Rolling Thunder« verfasst hat und in dem er untersucht, wie Anarchist*innen sich langfristige Ziele setzen können, um nicht von unseren Siegen überrascht zu werden. Außerdem haben wir eine Erstübersetzung von seinem Artikel Was ist der Sinn, wenn wir nicht Spaß haben können? ergänzt.


Der unerwartete Tod von David hat uns kalt erwischt. Erst vor wenigen Tagen korrespondierten wir mit ihm über die Entscheidung von Facebook, anarchistische Seiten zu verbieten, um die Trump-Administration zu besänftigen. David gehörte zu den ersten, die mit einer Unterstützungserklärung antworteten, in der er klar stellte: »Nichts könnte möglicherweise gewalttätiger sein, als uns – und insbesondere unseren jungen Menschen – zu sagen, dass es uns verboten ist, auch nur von einer friedlichen, fürsorglichen Welt zu träumen.«

Dies war charakteristisch für David. Er war nicht nur ein Intellektueller – er war immer bestrebt, Stellung zu beziehen und sich selbst ins Zentrum des Geschehens zu begeben. Er beteiligte sich am Direct Action Network in New York City, dass auf der Hochphase der sogenannten ‚Antiglobalisierungs-Bewegung‘ in den Massendemonstrationen gegen die amerikanische Freihandelszone 2001 in Quebec City seinen Höhepunkt fand. Er war maßgeblich an der Gründung von Occupy Wall Street beteiligt und beteiligte sich an den darauf folgenden Debatten über ‚Gewalt‘, wobei er sich mit denselben selbstgerechten Bewegungsexpert*innen konfrontiert sah wie andere Anarchist*innen auch. Er war einer der ersten, der die internationale Aufmerksamkeit auf das revolutionäre Experiment in Rojava lenkte, als es vom islamischen Staat bedroht war, und schloss sich unserem Solidaritätsaufruf gegen die Invasion der Türkei vor einem Jahr an.

Er hat seine körperliche Gesundheit zusammen mit seinem Ruf aufs Spiel gesetzt und sowohl Tränengas als auch akademischen Vergeltungsmaßnahmen getrotzt. Nachdem Yale ihn wegen seiner politischen Überzeugungen aus der Lehre gedrängt hatte, sah sich David gezwungen, ins Ausland zu gehen, um eine seinen Fähigkeiten entsprechende Universitätsstelle zu finden. Er erhielt einen Corporate Publishing-Deal, ja, aber er bekam ihn, indem er sich weigerte, Kompromisse einzugehen, nicht indem er seine Politik verwässerte.

David schrieb – und dachte und sagte und tat – mehr, als wir hier zusammenfassen könnten. Wir hoffen, dass andere eine angemessene Lobrede auf ihn verfassen werden, in der alle seine Aktivitäten und Beiträge in einem breiten Spektrum von Bereichen beschrieben werden. Selbst wenn wir nicht einer Meinung waren – unsere Analyse der Demokratie ist zum Teil eine Antwort auf Davids Darstellung der Demokratie in Essays wie »There Never Was a West« – haben wir immer von ihm gelernt. Er war ein treuer Freund und ein würdiger Gegner.

In Graebers transzendentestem Werken, wie etwa dem Essay »Was ist der Sinn, wenn wir nicht Spaß haben können?«, setzt er sich mit den grundlegenden ontologischen Fragen von Freiheit und Kosmos auseinander. So erinnern wir uns an ihn, indem wir verschiedene Fäden zu einer Vision der Selbstbestimmung verweben, die von subatomaren Partikeln bis hin zu ganzen Gesellschaften und Ökosystemen reicht:

»Ist es sinnvoll zu sagen, dass ein Elektron ‘wählt’, so zu springen, wie es springt? Offensichtlich gibt es keine Möglichkeit, das zu beweisen. Den einzigen Beweis, den wir haben könnten (dass wir nicht vorhersagen können, was es tun wird), haben wir. Aber er ist kaum entscheidend. Dennoch, wenn man eine konsequent materialistische Erklärung der Welt will – das heißt, wenn man den Verstand nicht als irgendeine übernatürliche Entität behandeln will, die der materiellen Welt aufgezwungen wird, sondern einfach als eine komplexere Organisation von Prozessen, die bereits auf jeder Ebene der materiellen Realität ablaufen –, dann macht es Sinn, dass etwas, das zumindest ein wenig wie Intentionalität, etwas das zumindest ein wenig wie Erfahrung, etwas das zumindest ein wenig wie Freiheit ist, auch auf jeder Ebene der physischen Realität existieren müsste.«

Er verstarb im jungen Alter von 59 Jahren. Wir sind im Herzen bei allen, die er hinterlassen hat. Wir trauern um seinen Tod und trauern um all die Dinge, die David noch nicht mit uns geteilt hat.


David Graeber, rest in peace.

Das Essay, das wir hier vorstellen, entstand aus einer Diskussion über das Erbe antikapitalistischer Kämpfe um die Jahrhundertwende, während der Proteste gegen die Welthandelsorganisation und die Weltbank, und gegen die Vorschläge von Freihandelszonen (wie die Amerikanische Freihandelszone). Anarchist*innen und andere antikapitalistische Demonstriende spielten eine wichtige Rolle bei der Delegitimierung der WTO und der Weltbank und konnten sogar die Verabschiedung des FTAA-Abkommens verhindern – doch danach waren viele Teilnehmer*innen der Bewegung niedergeschlagen und bestürzt darüber, dass es uns nicht gelungen war, den Kapitalismus vollständig abzuschaffen.

Im Anschluss an diese Diskussionen luden wir David ein, seine Gedanken in einem Essay für Rolling Thunder auf Papier zu bringen, und das Ergebnis war das folgende Essay.

Dabei ist Davids Argumentation, dass wir Anarchist*innen oft unvorbereitet auf unsere Siege sind, heute aktueller als zu Beginn des Jahres 2008. In den letzten Jahren ist es Anarchistinnen und anderen Befürwortern der Abschaffung der Polizei, der Gefängnisse und des bestehenden Strafrechtssystems gelungen, die Vorstellung zu popularisieren, dass all dies ungerechte Institutionen sind, die keine Legitimität haben, unser Leben zu regieren. Es überrascht nicht, dass Autoritäre und Polizei mit ungeheurer Gewalt gegen uns vorgegangen sind. Gefangen in einem Zermürbungskrieg mit nächtlichen Zusammenstößen bekommen die Demonstrant*innen leicht das Gefühl, dass wir verlieren – obwohl wir auf historischer Ebene bereits einige Ziele erreicht haben, die noch vor wenigen Jahren undenkbar schienen. Die Frage – 2008 wie heute – ist, wie wir uns Strategien für einen ausreichend langen Zeitrahmen machen können, um das Beste aus unseren Siegen zu machen, anstatt angesichts der verzweifelten Schläge der Reaktion in Resignation zusammenzubrechen.

Wir bitten alle eindringlich, Davids Arbeiten zu lesen und die Projekte von David aufzugreifen, die bei euch auf Resonanz stoßen. Er sollte in unseren Bewegungen mit uns zusammen sein, zu uns sprechen und in unseren gemeinsamen Aktionen und Visionen weiterleben.

David wie wir ihn kannten und liebten.


Schock des Sieges

Das größte Problem von Bewegungen der Direkten Aktion besteht darin, dass wir nicht wissen, wie wir mit einem Sieg umgehen sollen.

Es mag merkwürdig erscheinen, dies zu sagen, denn viele von uns haben sich in letzter Zeit nicht besonders siegreich gefühlt. Die meisten Anarchist:innen haben heute das Gefühl, dass die globale Gerechtigkeitsbewegung ein kurzzeitiges Phänomen war: sicherlich inspirierend, solange sie andauerte, aber keine Bewegung, der es gelang, entweder dauerhafte organisatorische Wurzeln zu schlagen oder die Konturen der Macht in der Welt zu verändern. Die Antikriegsbewegung war sogar noch frustrierender, da Anarchist:innen und anarchistische Taktiken weitgehend an den Rand gedrängt wurden. Der Krieg wird zu Ende gehen, aber nur weil Kriege immer zu Ende gehen. Niemand hat das Gefühl, viel dazu beigetragen zu haben.

Ich möchte eine alternative Interpretation vorschlagen. Lasst mich hier drei erste Vorschläge darlegen:

1. So seltsam es erscheinen mag, die herrschenden Klassen leben in Angst vor uns. Sie scheinen immer noch von der Möglichkeit heimgesucht zu werden, dass, wenn die Durchschnittsamerikaner:innen wirklich Wind davon bekommen, was sie so treiben, sie am Ende alle an Bäumen hängen könnten. Ich weiß, es erscheint unplausibel, aber es ist schwer, eine andere Erklärung für die Art und Weise zu finden, wie sie in Panik geraten, sobald es Anzeichen für eine Massenmobilisierung und insbesondere für direkte Massenaktionen gibt, und wie sie gewöhnlich versuchen, irgendeine Art Krieg zu beginnen, um die Aufmerksamkeit abzulenken.

2. In gewisser Weise ist diese Panik jedoch gerechtfertigt. Direkte Massenaktionen – besonders wenn sie nach demokratischen Grundsätzen organisiert sind – sind unglaublich effektiv. In den letzten dreißig Jahren hat es in Amerika nur zwei Beispiele für solche Massenaktionen gegeben: die Anti-Atomkraft-Bewegung in den späten 70er-Jahren und die so genannte ‚Anti-Globalisierungs‘-Bewegung von etwa 1999 bis 2001. In beiden Fällen wurden die wichtigsten politischen Ziele der Bewegung weitaus schneller erreicht, als fast alle Beteiligten es für möglich gehalten hätten.

3. Das eigentliche Problem solcher Bewegungen besteht darin, dass sie immer wieder von der Geschwindigkeit ihres anfänglichen Erfolgs überrascht werden. Wir sind nie auf einen Sieg vorbereitet. Das stürzt uns in Verwirrung. Wir beginnen, uns gegenseitig zu bekämpfen. Das Wiederaufflammen der Repression und die Appelle an den Nationalismus, die unweigerlich mit einer neuen Kriegsmobilisierung einhergehen, spielen dann den Autoritären auf allen Seiten des politischen Spektrums in die Hände. Wenn die volle Wirkung unseres ersten Sieges deutlich wird, sind wir in der Regel zu sehr damit beschäftigt, uns wie Versager:innen zu fühlen, um es überhaupt zu bemerken.

Ein:e Demonstrant:in wirft eine Tränengaskartusche zurück. Proteste gegen das Freihandelstreffen in Quebec City, auf dem Höhepunkt der ‘Antiglobalisierungsbewegung’.

Lasst mich die beiden prominentesten Beispiele von Fall zu Fall betrachten:

I: Die Anti-Atomkraft-Bewegung

Die Anti-Atomkraft-Bewegung der späten 70er-Jahre markierte in Nordamerika das erste Auftreten dessen, was wir heute als anarchistische Standardtaktiken und -organisationsformen ansehen: Massenaktionen, Affinitätsgruppen, Sprecherräte, Konsensverfahren, Gefängnissolidarität, das Prinzip der dezentralisierten direkten Demokratie an sich… Es war alles etwas primitiv im Vergleich zu heute, und es gab bedeutende Unterschiede – auffallend strengere, Gandhi-artige Vorstellungen von Gewaltlosigkeit – aber alle Elemente waren vorhanden, und es war das erste Mal, dass sie als Paket zusammenkamen. Zwei Jahre lang wuchs die Bewegung mit erstaunlicher Geschwindigkeit und zeigte alle Anzeichen dafür, dass sie zu einem landesweiten Phänomen wurde. Dann löste sie sich fast ebenso schnell wieder auf.

Alles begann, als 1974 einige altgediente Friedensaktivist:innen in Neuengland erfolgreich den Bau eines geplanten Atomkraftwerks in Montague, Massachusetts, blockierten. 1976 schlossen sie sich zusammen mit anderen Neuengland-Aktivist:innen, inspiriert durch den Erfolg einer einjährigen Anlagenbesetzung in Deutschland, zur Gründung der Clamshell Alliance zusammen. Das unmittelbare Ziel von Clamshell war es, den Bau eines geplanten Atomkraftwerks in Seabrook, New Hampshire, zu stoppen. Zwar gelang es dem Bündnis nie, eine Besetzung zu bewerkstelligen, sondern lediglich eine Reihe dramatischer Massenverhaftungen in Verbindung mit Gefängnissolidarität, aber ihre Aktionen – in der Spitze Zehntausende von Menschen, die sich auf direktdemokratischer Grundlage organisiert hatten – führten dazu, dass die Idee der Atomkraft in einer Weise in Frage gestellt wurde, wie es sie nie zuvor gegeben hatte. Ähnliche Koalitionen begannen im ganzen Land zu entstehen: die Palmetto Alliance in South Carolina, Oystershell in Maryland, Sunflower in Kansas und vor allem die Abalone Alliance in Kalifornien, die ursprünglich auf einen völlig verrückten Plan zum Bau eines Atomkraftwerks am Diablo Canyon, fast direkt auf einer großen geographischen Spannungslinie, reagierte.

Die ersten drei Massenaktionen von Clamshell in den Jahren 1976 und 1977 waren überaus erfolgreich. Doch schon bald geriet sie wegen Fragen des demokratischen Prozesses in eine Krise. Im Mai 1978 verletzte ein neu geschaffener Koordinierungsausschuss den Prozess, als er in letzter Minute ein Angebot der Regierung für eine dreitägige legale Kundgebung in Seabrook anstelle einer geplanten vierten Besetzung annahm (die Entschuldigung dafür war, dass die umliegende Gemeinde nicht verstimmt werden sollte). Es begannen erbitterte Debatten über Konsens und Beziehungen zwischen den Communitys, die sich dann auf die Rolle der Gewaltlosigkeit (sogar das Durchschneiden von Zäunen oder Abwehrmaßnahmen wie Gasmasken waren ursprünglich verboten worden), Sexismus und so weiter ausweiteten. 1979 spaltete sich das Bündnis in zwei umstrittene und zunehmend ineffektive Fraktionen, und nach vielen Verzögerungen ging die Anlage in Seabrook (oder die Hälfte davon) in Betrieb. Die Abalone-Allianz bestand länger, bis 1985, zum Teil wegen ihres starken Kerns von Anarchafeministinnen, aber schließlich erhielt auch Diablo Canyon seine Lizenz und ging im Dezember 1988 in Betrieb.

Oberflächlich betrachtet klingt das nicht sehr inspirierend. Aber was wollte die Bewegung wirklich erreichen? Hier könnte es hilfreich sein, die ganze Bandbreite ihrer Ziele aufzuzeigen:

1. Kurzfristige Ziele: den Bau des betreffenden Atomkraftwerks (Seabrook, Diablo Canyon…) zu blockieren.

2. Mittelfristige Ziele: den Bau aller neuen Atomkraftwerke zu blockieren, die Idee der Atomkraft an sich zu delegitimieren und sich in Richtung Naturschutz und Ökostrom zu bewegen sowie neue Formen gewaltfreien Widerstands und feministisch inspirierter direkter Demokratie zu legitimieren.

3. Langfristige Ziele: (zumindest für die radikaleren Elemente) den Staat zerschlagen und den Kapitalismus zerstören.

Wenn dem so ist, sind die Ergebnisse eindeutig. Kurzfristige Ziele wurden fast nie erreicht. Trotz zahlreicher taktischer Siege (Verzögerungen, Konkurs von Versorgungsunternehmen, gerichtliche Verfügungen) gingen die Anlagen, die in den Mittelpunkt der Massenaktion gerieten, letztlich alle in Betrieb. Die Regierungen können es sich einfach nicht erlauben, dass man sieht, dass sie einen solchen Kampf verlieren. Langfristige Ziele wurden offensichtlich auch nicht erreicht. Aber ein Grund dafür ist, dass die mittelfristigen Ziele alle fast sofort erreicht wurden. Die Aktionen delegitimierten die Idee, die Atomkraft selbst ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, bis zu dem Punkt, dass die Kernschmelze von Three Mile Island im Jahr 1979 die Industrie für immer zum Untergang verurteilte. Auch wenn die Pläne für Seabrook und Diablo Canyon vielleicht nicht abgesagt wurden, so war es doch fast jeder andere damals anstehende Plan zum Bau eines Atomreaktors, und seit einem Vierteljahrhundert wurden keine neuen mehr vorgeschlagen. Es gab in der Tat eine Bewegung in Richtung Naturschutz, Ökostrom und eine Legitimierung neuer demokratischer Organisationstechniken. All dies geschah viel schneller, als irgendjemand wirklich erwartet hatte.

Im Rückblick kann man leicht erkennen, dass die meisten der nachfolgenden Probleme direkt aus der Geschwindigkeit des Erfolgs der Bewegung entstanden. Die Radikalen hatten gehofft, Verbindungen zwischen der Atomindustrie und dem Wesen des kapitalistischen Systems, das sie geschaffen hatte, herstellen zu können. Wie sich herausstellte, erwies sich das kapitalistische System mehr als bereit, die Atomindustrie in dem Moment abzustoßen, als sie zu einer Belastung wurde. Als riesige Energieversorgungsunternehmen anfingen zu behaupten, dass auch sie grüne Energie fördern wollten, indem sie die, wie wir sie jetzt nennen würden, NGO-Typen effektiv zu einem Platz am Tisch einluden, war die Versuchung groß, die Seiten zu wechseln. Vor allem, weil viele von ihnen sich nur mit radikaleren Gruppen verbündeten, um sich zunächst einmal einen Platz am Tisch zu sichern.

Das unvermeidliche Ergebnis war eine Reihe hitziger strategischer Debatten. Aber es ist unmöglich, dies zu verstehen, ohne vorher zu verstehen, dass strategische Debatten innerhalb direktdemokratischer Bewegungen selten als solche geführt werden. Sie nehmen fast immer die Form von Debatten über etwas anderes an. Nehmt zum Beispiel die Frage des Kapitalismus. Antikapitalist:innen sind normalerweise mehr als glücklich, ihre Position zu diesem Thema zu diskutieren. Die Liberalen hingegen sagen nicht gern: »Eigentlich bin ich für die Aufrechterhaltung des Kapitalismus«, also versuchen sie, wann immer möglich, das Thema zu wechseln. So enden Debatten, bei denen es eigentlich darum geht, ob der Kapitalismus direkt herausgefordert werden soll, in der Regel damit, dass sie so ausgetragen werden, als handele es sich um kurzfristige Debatten über Taktik und Gewaltlosigkeit. Autoritäre Sozialist:innen oder andere, die der Demokratie selbst misstrauisch gegenüberstehen, machen das auch nicht gerne zum Thema und ziehen es vor, die Notwendigkeit der Bildung möglichst breiter Koalitionen zu diskutieren. Diejenigen, die die Demokratie mögen, aber das Gefühl haben, dass eine Gruppe die falsche strategische Richtung einschlägt, finden es oft viel effektiver, ihren Entscheidungsprozess in Frage zu stellen, als ihre tatsächlichen Entscheidungen in Frage zu stellen.

Demonstrierende schützen sich gegen Tränengas während der Proteste gegen das Freihandelsabkommen in Quebec City 2001.

Es gibt hier noch einen anderen Faktor, der noch weniger beachtet wird, den ich aber für ebenso wichtig halte. Jeder weiß, dass angesichts einer breiten und potenziell revolutionären Koalition der erste Schritt jeder Regierung darin bestehen wird, zu versuchen, sie zu spalten. Zugeständnisse zu machen, um die Gemäßigten zu besänftigen und gleichzeitig die Radikalen selektiv zu kriminalisieren – das ist Kunst des Regierens 101. Darüber hinaus ist die US-Regierung im Besitz eines globalen Imperiums, das ständig für den Krieg mobilisiert wird, und das gibt ihr eine weitere Option, die die meisten Regierungen nicht haben. Diejenigen, die sie führen, können das Gewaltniveau im Ausland so ziemlich jederzeit erhöhen; dies hat sich als eine bemerkenswert effektive Methode erwiesen, um soziale Bewegungen zu entschärfen, die sich um innenpolitische Belange gründen. Es scheint kein Zufall zu sein, dass auf die Bürgerrechtsbewegung große politische Zugeständnisse und eine rasche Eskalation des Krieges in Vietnam folgten; dass auf die Anti-Atomkraft-Bewegung der Ausstieg aus der Atomenergie und ein Wiederaufflammen des Kalten Krieges folgte, mit Star Wars-Programmen und Proxy-Kriegen in Afghanistan und Mittelamerika; dass auf die Bewegung für globale Gerechtigkeit der Zusammenbruch des Washingtoner Konsenses und der Krieg gegen den Terror folgten. Infolgedessen musste die SDS ihre frühe Betonung der partizipatorischen Demokratie beiseite lassen und wurde zu einer bloßen Antikriegsbewegung; die Antiatomkraftbewegung verwandelte sich in eine Bewegung des nuklearen Einfrierens; die horizontalen Strukturen von DAN und PGA wichen Top-down-Massenorganisationen wie ANSWER und UFPJ.

Aus der Sicht der Regierung hat die militärische Lösung ihre Risiken. Das Ganze kann einem wie in Vietnam um die Ohren fliegen (daher die zumindest seit dem ersten Golfkrieg bestehende Besessenheit, einen Krieg zu entwerfen, der tatsächlich protestbeständig ist). Es besteht auch immer ein kleines Risiko, dass eine Fehlkalkulation versehentlich ein nukleares Armageddon auslöst und den Planeten zerstört. Aber dies sind Risiken, die Politiker:innen, die mit zivilen Unruhen konfrontiert sind, offenbar mehr als bereitwillig eingegangen sind – und sei es nur, weil direktdemokratische Bewegungen ihnen wirklich Angst machen, während Antikriegsbewegungen ihr bevorzugter Gegner sind. Schließlich sind Staaten letztlich Formen der Gewalt – das ist ihre Muttersprache. Sobald sich die Argumentation in Richtung Gewalt versus Gewaltlosigkeit verschiebt, sind sie wieder auf ihrem heimischen Terrain, wo sie am besten in der Lage sind, sich zu rechtfertigen und durchzusetzen. Organisationen, die dazu bestimmt sind, Kriege zu führen oder sich ihnen zu widersetzen, werden immer dazu neigen, hierarchischer organisiert zu sein als solche, die auf fast alles andere ausgerichtet sind. Das ist sicherlich im Fall der Anti-Atomkraft-Bewegung geschehen.

Die Antikriegsmobilisierungen der 80er-Jahre waren zwar zahlenmäßig weitaus größer, als es Clamshell oder Abalone je gewesen waren, aber sie markierten auch eine Rückkehr zum Marschieren mit Schildern, erlaubten Kundgebungen und gaben die Experimente mit neuen Formen der direkten Demokratie auf.

Polizei hinter einer Absperrung während der Proteste in Quebec City 2001.

II: Die globale Gerechtigkeitsbewegung

Ich gehe davon aus, dass unsere geneigten Leser:innen im Großen und Ganzen mit den Aktionen auf der Tagung der Welthandelsorganisation in Seattle, den Blockaden der IWF-Weltbank sechs Monate später in Washington an der A16 und so weiter vertraut sind.

In den USA flammte die Bewegung so schnell und dramatisch auf, dass selbst die Medien sie nicht völlig abtun konnten. Sie fing auch schnell an, sich selbst zu fressen. In fast jeder größeren Stadt in Amerika wurden Direct Action Networks gegründet. Während einige von ihnen (vor allem das DAN in Seattle und Los Angeles) reformistisch und antikorporativ waren und sich für strenge Gewaltverzichtsregeln einsetzten, waren die meisten (wie das DAN in New York und Chicago) überwiegend anarchistisch und antikapitalistisch und widmeten sich einer Vielfalt von Taktiken. Andere Städte (Montreal, Washington, D.C.) schufen noch expliziter anarchistische antikapitalistische Konvergenzen. Die antikorporativen DANs lösten sich fast sofort auf, aber einige wenige hielten einige Jahre. Es gab endlose und erbitterte Debatten: über Gewaltlosigkeit, über Rassismus und Privilegienfragen, über die Tragfähigkeit des Netzwerkmodells.

Dann kam der 11. September, gefolgt von einem enormen Anstieg des Repressionsniveaus und der daraus resultierenden Paranoia sowie der panischen Flucht fast aller unserer ehemaligen Verbündeten unter den Gewerkschaften und NGOs. Während Miami 2003 schien es, als wären wir in die Flucht geschlagen worden, und eine Lähmung überzog die Bewegung, von der wir uns erst seit kurzem zu erholen beginnen.

Der 11. September war ein so seltsames Ereignis, eine solche Katastrophe, dass es uns fast unmöglich macht, irgendetwas anderes um ihn herum wahrzunehmen. In seiner unmittelbaren Folge brachen fast alle in der Globalisierungsbewegung geschaffenen Strukturen zusammen. Aber ein Grund dafür, dass sie so leicht zusammenbrachen, war – nicht nur, weil der Krieg eine so unmittelbar drängendere Sorge zu sein schien -, dass wir in den meisten unserer unmittelbaren Ziele wieder einmal unerwartet bereits gewonnen hatten.

Black Vloc bei den Protesten in Quebec City 2001.

Ich selbst trat dem NYC DAN ungefähr zur Zeit der A16-Ereignisse bei. Damals verstand sich DAN im Allgemeinen als eine Gruppe mit zwei Hauptzielen. Das eine war, bei der Koordinierung des nordamerikanischen Flügels einer riesigen globalen Bewegung gegen den Neoliberalismus und das, was man damals den Washingtoner Konsens nannte, mitzuhelfen; die Hegemonie der neoliberalen Ideen zu zerstören, alle neuen großen Handelsabkommen (WTO, FTAA) zu stoppen und Organisationen wie den IWF zu diskreditieren und schließlich zu zerstören. Der andere war, die altmodischen aktivistischen Organisationsstile mit ihren Lenkungsausschüssen und ideologischem Zank zu ersetzen, um ein (sehr anarchistisch inspiriertes) Modell der direkten Demokratie zu verbreiten: dezentralisierte, affinitätsorientierte Gruppenstrukturen, Konsensverfahren. Damals nannten wir es manchmal ‚Kontaminationismus‘, die Vorstellung, dass alle Menschen wirklich der Erfahrung direkter Aktion und direkter Demokratie ausgesetzt sein müssten und dass sie anfangen wollten, dies alles selbst zu imitieren. Es gab das allgemeine Gefühl, dass wir nicht versuchten, eine dauerhafte Struktur aufzubauen; DAN war nur ein Mittel zu diesem Zweck. Wenn es seinen Zweck erfüllt habe, erklärten mir mehrere Gründungsmitglieder, werde es nicht mehr nötig sein. Andererseits waren dies ziemlich ehrgeizige Ziele, so dass wir auch davon ausgingen, selbst wenn wir sie erreichen würden, würde es wahrscheinlich mindestens ein Jahrzehnt dauern.

Wie sich herausstellte, dauerte es etwa eineinhalb Jahre.

Offensichtlich ist es uns nicht gelungen, eine soziale Revolution auszulösen. Aber ein Grund dafür, dass wir nie so weit gekommen sind, Hunderttausende von Menschen zu inspirieren sich zu erheben, war wiederum, dass wir unsere anderen Ziele so schnell erreicht haben. Nehmt die Frage der Organisation. Während die Anti-Kriegs-Koalitionen immer noch operieren, wie Anti-Kriegs-Koalitionen es immer tun, als von oben nach unten gerichtete Volksfrontgruppen, arbeitet fast jede kleine radikale Gruppe, die nicht von marxistischen Sektierer:innen der einen oder anderen Art dominiert wird – und das schließt alles ein, von Organisationen syrischer Einwanderer:innen in Montreal bis hin zu Gemeinschaftsgärten in Detroit – jetzt nach weitgehend anarchistischen Prinzipien – auch wenn sie es vielleicht nicht wissen. Der Kontaminationismus hat funktioniert. Oder nehmt die Domäne der Ideen. Der Washington-Konsens liegt in Trümmern. So sehr, dass es jetzt schwer ist, sich daran zu erinnern, wie der öffentliche Diskurs in diesem Land überhaupt vor Seattle aussah.

Selten waren sich die Medien und die politische Klasse in einer Sache so völlig einig, dass ‚freier Handel‘, ‚freie Märkte‘ und ein hemmungsloser überladener Kapitalismus die einzig mögliche Richtung für die Menschheitsgeschichte darstellten; die einzig mögliche Lösung für ein Problem wurde so vollständig angenommen, dass jeder, der Zweifel an der These äußerte, als buchstäblich verrückt behandelt wurde. Aktivist:innen für globale Gerechtigkeit wurden, als sie sich zum ersten Mal in die Aufmerksamkeit von CNN oder Newsweek drängten, sofort als reaktionäre Wahnsinnige abgeschrieben. Ein oder zwei Jahre später sagten CNN und Newsweek, wir hätten den Streit gewonnen.

Anarchist:innen und andere Demonstrierende reißen einen Zaun nieder bei den Protesten gegen das Freihandelsabkommen in Quebec.

Wenn ich diesen Punkt vor einer anarchistischen Menge vorbringe, erhebt normalerweise sofort jemand Einspruch: »Nun, sicher, die Rhetorik hat sich geändert, aber die Politik bleibt die gleiche.« Das ist in gewisser Weise wahr. Das heißt, es stimmt, dass wir den Kapitalismus nicht zerstört haben. Aber wir (wenn man das ‚wir‘ hier als den horizontalistischen, auf direkte Aktionen ausgerichteten Flügel der planetarischen Bewegung gegen den Neoliberalismus betrachtet) haben ihm in nur zwei Jahren wohl einen größeren Schlag versetzt als irgendjemand anders seit, sagen wir, der Russischen Revolution. Lasst mich Punkt für Punkt darauf eingehen:

Freihandelsabkommen. Alle ehrgeizigen Freihandelsabkommen, die seit 1998 geplant waren, sind gescheitert. Die MAI wurde besiegt; die FTAA, der Schwerpunkt der Aktionen in Quebec City und Miami, blieb auf der Stelle stehen. Die meisten von uns erinnern sich an den FTAA-Gipfel 2003 vor allem wegen der Einführung des ‚Miami-Modells‘ der extremen Polizeirepression auch gegen offensichtlich gewaltlosen zivilen Widerstand. Das wars. Aber wir vergessen, dass dies mehr als alles andere die wütenden Schläge eines Rudels von extrem wunden Verlierer:innen waren – Miami war das Treffen, bei dem die FTAA endgültig gekillt wurde. Jetzt spricht niemand mehr von umfassenden, ehrgeizigen Verträgen dieses Ausmaßes. Die USA sind darauf reduziert, auf kleinere Handelspakte von Land zu Land mit traditionellen Verbündeten wie Südkorea und Peru oder bestenfalls auf Abkommen wie das CAFTA zu drängen, das ihre verbleibenden Klientenstaaten in Mittelamerika vereint, und es ist noch nicht einmal klar, ob es ihnen gelingen wird, dies zu erreichen.

Die Welthandelsorganisation. Nach der Katastrophe (für sie) in Seattle verlegten die Organisator:innen das nächste Treffen auf die Insel Doha im Persischen Golf und beschlossen offenbar, lieber das Risiko einzugehen, von Osama bin Laden in die Luft gesprengt zu werden, als sich einer weiteren DAN-Blockade stellen zu müssen. Sechs Jahre lang hämmerten sie entfernt auf der ‚Doha-Runde‘ rum. Das Problem war, dass die Regierungen des Südens, ermutigt durch die Protestbewegung, anfingen, darauf zu beharren, dass sie nicht länger zustimmen würden, ihre Grenzen für Agrareinfuhren aus reichen Ländern zu öffnen, wenn diese reichen Länder nicht zumindest aufhören würden, Subventionen in Milliardenhöhe in ihre eigene Agrarindustrie zu stecken, um sicherzustellen, dass die Bäuer:innen des Südens unmöglich konkurrieren können. Da vor allem die USA nicht die Absicht hatten, Opfer zu bringen, wie sie es vom Rest der Welt verlangten, wurden alle Geschäfte abgesagt. Im Juli 2006 erklärte der Chef der WTO, Pierre Lamy, die Doha-Runde für tot, und zu diesem Zeitpunkt spricht seit mindestens zwei Jahren niemand mehr von einer weiteren WTO-Verhandlung – zu diesem Zeitpunkt könnte die Organisation sehr wahrscheinlich gar nicht mehr existieren.

Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank. Dies ist die erstaunlichste Geschichte von allen. Der IWF nähert sich rasch dem Bankrott, und das ist eine direkte Folge der weltweiten Mobilisierung gegen ihn. Um es ganz offen zu sagen: Wir haben ihn zerstört. Der Weltbank geht es nicht viel besser. Aber als die vollen Auswirkungen spürbar wurden, haben wir nicht einmal aufgepasst.

Diese letzte Geschichte ist es wert, im Detail erzählt zu werden.

Der IWF war immer der Erzbösewicht des Kampfes. Er ist das mächtigste, arroganteste, erbarmungsloseste Instrument, mit dem den ärmeren Ländern des globalen Südens in den letzten fünfundzwanzig Jahren eine neoliberale Politik aufgezwungen wurde, im Wesentlichen durch Manipulation der Schulden. Als Gegenleistung für eine Notfall-Refinanzierung forderte der IWF ‚Strukturanpassungsprogramme‘, die massive Kürzungen im Gesundheits- und Bildungswesen, Preisstützungen für Nahrungsmittel und endlose Privatisierungsprogramme erzwangen, die es ausländischen Kapitalist:innen erlaubten, lokale Ressourcen zu Schleuderpreisen aufzukaufen. Irgendwie funktionierte die Strukturanpassung nie, um Länder wirtschaftlich wieder auf die Beine zu bringen, aber das bedeutete einfach, dass sie in der Krise blieben, und die Lösung bestand immer darin, auf einer weiteren Runde der Strukturanpassung zu bestehen.

Der IWF hatte noch eine andere, weniger gefeierte Rolle: die eines globalen Durchsetzers. Es war ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es keinem Land (egal wie arm) jemals erlaubt werden konnte, mit Krediten an westliche Bankiers (egal wie töricht) in Verzug zu geraten. Selbst wenn ein Bankier einem korrupten Diktator einen Milliarden-Dollar-Kredit anbieten würde und dieser Diktator diesen direkt auf sein Schweizer Bankkonto einzahlen und aus dem Land fliehen würde, würde der IWF dafür sorgen, dass seinen früheren Opfern eine Milliarde Dollar (plus großzügiger Zinsen) abgezogen würde. Sollte ein Land aus irgendeinem Grund in Verzug geraten, könnte der IWF einen Kreditboykott verhängen, dessen wirtschaftliche Auswirkungen in etwa mit denen einer Atombombe vergleichbar wären. (All dies widerspricht selbst der elementaren Wirtschaftstheorie, wonach diejenigen, die Geld leihen, ein gewisses Risiko in Kauf nehmen sollen; aber in der Welt der internationalen Politik gelten die Wirtschaftsgesetze nur für die Armen als verbindlich). Diese Rolle war ihr Untergang.

Was geschah, war, dass Argentinien in Verzug geriet und damit davonkam. In den 90er-Jahren war Argentinien der Musterschüler des IWF in Lateinamerika gewesen – es hatte buchstäblich jede öffentliche Einrichtung mit Ausnahme der Zollbehörde privatisiert. Dann, 2002, brach die Wirtschaft zusammen. Die unmittelbaren Folgen kennen wir alle: Kämpfe auf den Straßen, Volksversammlungen, der Sturz von drei Regierungen in einem Monat, Straßenblockaden, besetzte Fabriken. Der ‚Horizontalismus‘ – weitgehend anarchistische Prinzipien – war der Kern des breiten Widerstandes. Die politische Klasse war so vollständig diskreditiert, dass die Politiker:innen gezwungen waren, Perücken und falsche Schnurrbärte aufzusetzen, um in Restaurants essen zu können, ohne körperlich angegriffen zu werden. Als Nestor Kirchner, ein gemäßigter Sozialdemokrat, 2003 an die Macht kam, wusste er, dass er etwas Dramatisches tun musste, um die Mehrheit der Bevölkerung dazu zu bewegen, auch nur die Idee einer Regierung, geschweige denn seiner eigenen, zu akzeptieren. Also tat er es. Er tat in der Tat das, was niemand in dieser Position jemals tun sollte. Er ist mit den Auslandsschulden Argentiniens in Verzug geraten.

Eigentlich war Kirchner ziemlich clever dabei. Er ist mit seinen IWF-Krediten nicht in Verzug geraten. Er ist mit den Privatschulden Argentiniens in Verzug geraten und kündigte an, dass er für alle ausstehenden Kredite nur 25 Cent auf den Dollar zahlen würde. Citibank und Chase gingen natürlich zum IWF, ihrem gewohnten Vollstrecker, um Bestrafung zu fordern. Aber zum ersten Mal in seiner Geschichte schreckte der IWF davor zurück. Zunächst einmal würde selbst das wirtschaftliche Äquivalent einer Atombombe, da Argentiniens Wirtschaft bereits in Trümmern liegt, kaum mehr tun, als die Trümmer durcheinander zu wirbeln. Zweitens wusste fast jede:r, dass es die katastrophalen Ratschläge des IWF waren, die die Voraussetzungen für den Absturz Argentiniens überhaupt erst geschaffen hatten. Drittens, und das war das Entscheidende, war dies auf dem Höhepunkt der Auswirkungen der globalen Gerechtigkeitsbewegung: Der IWF war bereits die am meisten gehasste Institution auf dem Planeten, und die vorsätzliche Zerstörung dessen, was von der argentinischen Mittelklasse übrig geblieben war, hätte die Dinge ein wenig zu weit getrieben.

Argentinien durfte also ungestraft davonkommen. Danach änderte sich alles. Brasilien und Argentinien vereinbarten gemeinsam, ihre ausstehenden Schulden an den IWF selbst zurückzuzahlen. Mit ein wenig Hilfe von Chávez tat dies auch der Rest des Kontinents. Im Jahr 2003 beliefen sich die Schulden des lateinamerikanischen IWF auf 49 Milliarden Dollar. Jetzt belaufen sie sich auf 694 Millionen Dollar. Um das ins Licht zu rücken: Das ist ein Rückgang um 98,6%. Für jede tausend Dollar, die vor vier Jahren geschuldet wurden, schuldet Lateinamerika heute vierzehn Dollar. Asien folgte. China und Indien haben nun beide keine ausstehenden Schulden beim IWF und weigern sich, neue Kredite aufzunehmen. Der Boykott umfasst jetzt Korea, Thailand, Indonesien, Malaysia, die Philippinen und so ziemlich jede andere bedeutende regionale Wirtschaft. Auch Russland. Der Fonds ist darauf reduziert, die Volkswirtschaften Afrikas und vielleicht auch einige Teile des Nahen Ostens und der ehemaligen Sowjetunion zu beherrschen (im Wesentlichen die ohne Öl). Infolgedessen sind die Einnahmen in vier Jahren um 80% eingebrochen. In der Ironie aller möglichen Ironien sieht es immer mehr danach aus, dass der IWF bankrott gehen wird, wenn er niemanden findet, der bereit ist, ihm aus der Patsche zu helfen, aber es ist klar, dass keine:r dies besonders will. Mit seinem Ruf als fiskalischer Vollstrecker in Scherben dient der IWF selbst für Kapitalist:innen keinem offensichtlichen Zweck mehr. Bei den jüngsten G8-Treffen gab es eine Reihe von Vorschlägen, eine neue Mission für die Organisation zu konzipieren – vielleicht eine Art internationales Konkursgericht -, aber alle wurden am Ende aus dem einen oder anderen Grund torpediert. Selbst wenn der IWF überlebt, ist er bereits auf einen Pappausschnitt seines früheren Selbst reduziert worden.

Die Weltbank, die schon früh die Rolle des guten Bullen übernommen hat, ist in etwas besserer Verfassung. Aber hier muss das Wort ‚etwas‘ betont werden – denn ihre Einnahmen sind nur um 60% und nicht um 80% zurückgegangen, und es gibt nur wenige tatsächliche Boykotte. Auf der anderen Seite wird die Bank derzeit vor allem dadurch am Leben erhalten, dass Indien und China noch immer bereit sind, sich mit ihr zu befassen, und beide Seiten wissen das, so dass sie nicht mehr in der Lage ist, Bedingungen zu diktieren.

All dies bedeutet natürlich nicht, dass alle Monster getötet worden sind. In Lateinamerika mag der Neoliberalismus auf der Flucht sein, aber China und Indien führen in ihren eigenen Ländern verheerende ‚Reformen‘ durch; die europäischen Sozialschutzsysteme werden angegriffen, und der größte Teil Afrikas ist trotz des heuchlerischen Gehabes der Bonos und der reichen Länder der Welt immer noch verschuldet und steht nun auch vor einer neuen Kolonisierung durch China. Die USA, deren Wirtschaftsmacht sich in den meisten Teilen der Welt zurückzieht, versuchen verzweifelt, ihren Zugriff auf Mexiko und Mittelamerika zu verdoppeln. Wir leben nicht in einer Utopie. Aber das wussten wir bereits. Die Frage ist, warum wir unsere Siege nie bemerkt haben.

Olivier de Marcellus, ein PGA-Aktivist aus der Schweiz, weist auf einen Grund hin: Immer dann, wenn ein Element des kapitalistischen Systems getroffen wird, sei es die Atomindustrie oder der IWF, fängt irgendeine linke Zeitschrift an, uns zu erklären, dass dies in Wirklichkeit alles Teil ihres Plans ist – oder vielleicht ein Effekt der unaufhaltsamen Aufarbeitung der internen Widersprüche des Kapitals, aber sicherlich nichts, wofür wir selbst in irgendeiner Weise verantwortlich sind. Noch wichtiger ist vielleicht unsere Abneigung, das Wort ‚wir‘ überhaupt auszusprechen. Die argentinische Zahlungsunfähigkeit, wurde die nicht wirklich von Nestor Kirchner organisiert? Was hat er mit der Globalisierungsbewegung zu tun? Ich meine, es ist nicht so, dass er von Tausenden Bürger:innen gezwungen worden wäre, die sich erheben, Banken zerschlagen und die Regierung durch Räte ersetzen, die vom IMC koordiniert werden. Oder, na ja, okay, vielleicht war es so. Nun, in diesem Fall waren diese Bürger:innen People of Color im globalen Süden. Wie können ‚wir‘ die Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen? Es spielt keine Rolle, dass sie sich zumeist als Teil der gleichen Bewegung für globale Gerechtigkeit wie wir sahen, ähnliche Ideen vertraten, ähnliche Kleidung trugen, ähnliche Taktiken anwandten und in vielen Fällen sogar denselben Konföderationen oder Organisationen angehörten. Hier ‚wir‘ zu sagen, würde die Ursünde implizieren, für andere zu sprechen.

Ich selbst halte es für vernünftig, dass eine globale Bewegung ihre Errungenschaften in globalen Begriffen betrachtet. Diese sind nicht unbeträchtlich. Doch genau wie bei der Anti-Atomkraft-Bewegung waren sie fast alle mittelfristig ausgerichtet. Lasst mich eine ähnliche Hierarchie der Ziele aufzeigen:

1) Kurzfristige Ziele: Blockade und Stilllegung bestimmter Gipfeltreffen (IWF, WTO, G8 usw.).

2) Mittelfristige Ziele: Zerstörung des ‚Washington-Konsenses‘ des Neoliberalismus, Blockade aller neuen Handelspakte, Delegitimierung und schließlich Stilllegung von Institutionen wie WTO, IWF und Weltbank; Verbreitung neuer Modelle der direkten Demokratie.

3) Langfristige Ziele: (zumindest für die radikaleren Elemente) den Staat zerschlagen und den Kapitalismus zerstören.

Auch hier finden wir wieder dasselbe Muster. Nach dem Wunder von Seattle wurden kurzfristige taktische Ziele selten erreicht. Aber das lag vor allem daran, dass die Regierungen angesichts einer solchen Bewegung dazu neigen, auf ihren Standpunkt zu beharren und es zu einer Frage des Prinzips zu machen, dass sie nicht sichtbar besiegt werden sollten. Dies wurde in der Regel sogar für viel wichtiger gehalten als der Erfolg des betreffenden Gipfels. Die meisten Aktivist:innen scheinen sich nicht bewusst zu sein, dass in vielen Fällen – zum Beispiel bei den IWF- und Weltbanktreffen 2001 und 2002 – die Polizei am Ende Sicherheitsvorkehrungen durchsetzte, die so ausgeklügelt waren, dass sie selbst die Treffen beinahe stillgelegt hätten; sie sorgte dafür, dass viele Veranstaltungen abgesagt wurden, die Zeremonien ruiniert wurden und niemand wirklich die Möglichkeit hatte, miteinander zu reden. Aber es ging nicht darum, ob Handelsvertreter:innen zusammenkommen durften oder nicht. Es ging darum, dass die Demonstrierenden nicht als Sieger:innen gesehen werden konnten.

Auch hier wurden die mittelfristigen Ziele so schnell erreicht, dass die längerfristigen Ziele sogar erschwert wurden. NGOs, Gewerkschaften, autoritäre Marxist:innen und ähnliche Verbündete sprangen fast sofort ab; strategische Debatten folgten, aber sie wurden wie immer indirekt geführt, als Argumente über Race, Privilegien, Taktiken, als fast alles andere als tatsächliche strategische Debatten. Auch hier wurde alles durch den Rückgriff des Staates auf den Krieg unendlich erschwert.

Wie ich bereits erwähnt habe, ist es für Anarchist:innen schwer, viel direkte Verantwortung für das unvermeidliche Ende des Irak-Krieges zu übernehmen, oder gar für die sehr blutige Nase, die sich das Imperium dort bereits zugezogen hat. Aber man könnte durchaus für eine indirekte Verantwortung plädieren. Seit den 60er-Jahren und der Katastrophe von Vietnam hat die US-Regierung ihre Politik nicht aufgegeben, auf jede Drohung einer demokratischen Massenmobilisierung mit einer Rückkehr zum Krieg zu antworten. Aber sie muss viel vorsichtiger sein. Im Wesentlichen müssen sie Kriege so gestalten, dass sie protestbeständig sind. Es gibt sehr gute Gründe für die Annahme, dass der erste Golfkrieg explizit unter diesem Gesichtspunkt konzipiert wurde. Der Ansatz, der bei der Invasion des Irak verfolgt wurde – das Beharren auf einer kleineren Hightech-Armee, die extreme Abhängigkeit von wahlloser Feuerkraft, auch gegen Zivilist:innen, zum Schutz vor einer vietnamesischen Zahl amerikanischer Opfer -, scheint wiederum eher mit dem Ziel entwickelt worden zu sein, jede potenzielle Friedensbewegung im eigenen Land abzuwehren, als um der militärischen Wirksamkeit willen. Das würde jedenfalls mit erklären helfen, warum die mächtigste Armee der Welt am Ende von einer fast unvorstellbar zerlumpten Guerillagruppe gefesselt und sogar besiegt wurde, die kaum Zugang zu sicheren Gebieten außerhalb des Landes, zu Finanzmitteln oder militärischer Unterstützung hat. Wie bei den Handelsgipfeln sind sie so sehr darauf bedacht, dafür zu sorgen, dass die Kräfte des zivilen Widerstands die Schlacht zu Hause nicht gewinnen, dass sie lieber den eigentlichen Krieg verlieren würden.

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Perspektiven (mit einer kurzen Rückkehr zum Spanien der 1930er-Jahre)

Wie also mit den Risiken des Sieges umgehen? Ich kann nicht behaupten, einfache Antworten zu haben. Eigentlich habe ich diesen Aufsatz eher geschrieben, um ein Gespräch zu beginnen, um das Problem auf den Tisch zu legen – um eine strategische Debatte anzuregen.

Dennoch sind einige Implikationen ziemlich offensichtlich. Wenn wir das nächste Mal eine größere Aktionskampagne planen, täten wir meiner Meinung nach gut daran, zumindest die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass wir unsere mittelfristigen strategischen Ziele sehr schnell erreichen könnten und dass dann viele unserer Verbündeten abtrünnig werden. Wir müssen strategische Debatten als das erkennen, was sie sind, auch wenn sie scheinbar etwas anderes zum Gegenstand haben. Nehmen wir ein berühmtes Beispiel: die Auseinandersetzungen über die Zerstörung von Eigentum nach Seattle. Die meisten davon waren, glaube ich, in Wirklichkeit Streitigkeiten über den Kapitalismus. Diejenigen, die das Zertrümmern von Fenstern anprangerten, taten dies vor allem deshalb, weil sie an die Verbraucher:innen der Mittelschicht appellieren wollten, sich in Richtung eines grünen Konsumverhaltens im Stil des globalen Austauschs zu bewegen und sich mit den Gwerkschaftsbürokratien und Sozialdemokrat:innen im Ausland zu verbünden. Dies war kein Weg, der zu einer direkten Konfrontation mit dem Kapitalismus führen sollte, und die meisten, die uns drängten, diesen Weg einzuschlagen, waren zumindest skeptisch hinsichtlich der Möglichkeit, dass der Kapitalismus überhaupt jemals wirklich besiegt werden könnte.

Denjenigen, die Fenster einschlugen, war es egal, ob sie die Hausbesitzer:innen in den Vorstädten angriffen, weil sie sie nicht als ein potentielles Element einer revolutionären antikapitalistischen Koalition ansahen. Sie versuchten faktisch, die Medien zu kapern, um eine Botschaft zu senden, dass das System verwundbar sei – in der Hoffnung, ähnliche aufständische Akte bei denjenigen auszulösen, die in Erwägung ziehen könnten, ein wirklich revolutionäres Bündnis einzugehen: entfremdete Teenager, unterdrückte People of Color, einfache Arbeiter:innen, die unzufrieden mit den Gewerkschaftsbürokrat:innen sind, Obdachlose, Kriminalisierte, radikal Unzufriedene. Wenn eine militante antikapitalistische Bewegung in Amerika beginnen sollte, müsste sie mit solchen Menschen beginnen: Menschen, die nicht davon überzeugt werden müssen, dass das System verrottet ist, sondern nur, dass sie etwas dagegen tun können. Und selbst wenn es möglich wäre, eine antikapitalistische Revolution ohne Schießereien auf den Straßen zu haben – was die meisten von uns hoffen, denn seien wir ehrlich, wenn wir auf die US-Armee stoßen, werden wir verlieren -, so ist es jedenfalls unmöglich, eine antikapitalistische Revolution zu haben und gleichzeitig die Eigentumsrechte gewissenhaft zu respektieren.

Letzteres führt eigentlich zu einer interessanten Frage. Was würde es bedeuten, zu gewinnen, nicht nur unsere mittelfristigen, sondern auch unsere langfristigen Ziele? Im Moment ist noch nicht einmal klar, wie das zustande kommen würde, schon deshalb nicht, weil keine:r von uns noch viel Vertrauen in ‚die‘ Revolution im alten Sinne des 19. oder 20. Jahrhunderts hat. Schließlich beruht die Gesamtvorstellung von der Revolution, dass es einen einzigen Massenaufstand oder Generalstreik geben wird und dann alle Mauern einstürzen werden, ganz auf der alten Phantasie, den Staat zu erobern. Nur so kann der Sieg möglicherweise so absolut und vollständig sein – zumindest, wenn wir von einem ganzen Land oder einem bedeutungsvollen Territorium sprechen.

Zur Veranschaulichung: Was hätte es eigentlich für die spanischen Anarchist:innen bedeutet, 1937 tatsächlich ‚gewonnen‘ zu haben? Es ist erstaunlich, wie selten wir uns solche Fragen stellen. Wir stellen uns einfach vor, es wäre so etwas wie die russische Revolution gewesen, die auf ähnliche Weise begann, mit dem Abschmelzen der alten Armee, der spontanen Schaffung von Arbeiter-Sowjets. Aber das war in den großen Städten. Auf die Russische Revolution folgten Jahre des Bürgerkrieges, in denen die Rote Armee nach und nach jedem Teil des alten russischen Reiches die Kontrolle des neuen Staates auferlegte, ob die betreffenden Gemeinden das wollten oder nicht. Stellen wir uns vor, anarchistische Milizen in Spanien hätten die faschistische Armee vertrieben, die sich dann vollständig auflöste, und die sozialistisch-republikanische Regierung aus ihren Büros in Barcelona und Madrid vertrieben. Das wäre nach allen Maßstäben sicherlich ein Sieg gewesen. Aber was wäre als Nächstes passiert? Hätten sie Spanien als Nicht-Republik gegründet, als einen Anti-Staat, der innerhalb genau derselben internationalen Grenzen existiert? Hätten sie ein System von Räten in jedem einzelnen Dorf und jeder einzelnen Gemeinde auf dem Gebiet des ehemaligen Spaniens eingeführt? Wie genau?

Wir müssen uns hier vor Augen halten, dass es viele Dörfer, Städte und sogar ganze Regionen Spaniens gab, in denen Anarchist:innen so gut wie nicht existierten. In einigen bestand fast die gesamte Bevölkerung aus konservativen Katholik:innen oder Monarchist:innen; in anderen (z.B. im Baskenland) gab es eine militante und gut organisierte Arbeiterklasse, aber eine, die überwiegend sozialistisch oder kommunistisch war. Selbst auf dem Höhepunkt des revolutionären Eifers blieben die meisten von ihnen ihren alten Werten und Ideen treu. Hätte die siegreiche FAI versucht, sie alle auszurotten – eine Aufgabe, die die Tötung von Millionen von Menschen erfordert hätte – oder sie aus dem Land zu vertreiben oder sie zwangsweise in anarchistische Gemeinden umzusiedeln oder sie in Umerziehungslager zu schicken, dann hätten sie sich nicht nur Gräueltaten von Weltklasse schuldig gemacht, sondern sie hätten auch aufgeben müssen, Anarchist:innen zu sein. Demokratische Organisationen können einfach keine Gräueltaten in diesem systematischen Ausmaß begehen: Dazu bräuchte man eine kommunistische oder faschistische Organisation von oben nach unten, denn man kann nicht Tausende von Menschen dazu bringen, hilflose Frauen, Kinder und alte Menschen systematisch zu massakrieren, Gemeinschaften zu zerstören oder Familien aus ihren angestammten Häusern zu vertreiben, wenn sie nicht wenigstens sagen können, dass sie nur Befehle befolgt haben. Es scheint nur zwei mögliche Lösungen für das Problem gegeben zu haben.

1. Lasst die Republik als De-facto-Regierung, die von den Sozialist:innen kontrolliert wird, fortbestehen; lasst sie die Kontrolle der Regierung über die rechten Mehrheitsgebiete durchsetzen und gleichzeitig eine Art Abmachung aus ihnen herausholen, dass sie Städte, Gemeinden und Dörfer mit anarchistischer Mehrheit in Ruhe lassen, um sich so zu organisieren, wie sie es wünschen… und hofft, dass die Regierung die Abmachung einhält.

2. Erklärt, dass jede Person ihre eigenen lokalen Versammlungen bilden sollte, und lasst sie über ihren eigenen Modus der Selbstorganisation entscheiden.

Letzteres scheint den anarchistischen Prinzipien am ehesten zu entsprechen, aber die Ergebnisse wären wahrscheinlich nicht viel anders gewesen. Denn wenn die Einwohner:innen von, sagen wir, Bilbao kollektiv beschlossen hätten, eine lokale Regierung zu schaffen, wie genau hätte man sie dann aufgehalten? Gemeinden, in denen die meisten Menschen noch immer der Kirche oder den örtlichen Grundbesitzer:innen gegenüber loyal sind, würden vermutlich dieselben alten rechten Behörden an die Spitze stellen; sozialistische oder kommunistische Gemeinden würden sozialistische oder kommunistische Parteibürokrat:innen an die Spitze stellen. Rechte und linke Statist:innen würden dann jeweils rivalisierende Konföderationen bilden, die, obwohl sie nur einen Bruchteil des ehemaligen spanischen Territoriums kontrollierten, sich jeweils zur legitimen Regierung Spaniens erklären würden. Ausländische Regierungen würden die eine oder die andere anerkennen – denn keine wäre bereit, Botschafter:innen mit einer Nichtregierung wie der FAI auszutauschen, selbst wenn die FAI Botschafter:innen mit ihnen austauschen wollte, was sie nicht tun würde.

Mit anderen Worten, der eigentliche Schießkrieg könnte zu Ende gehen, aber der politische Kampf würde weitergehen – und große Teile Spaniens würden am Ende vermutlich wie das heutige Chiapas aussehen, wobei jeder Bezirk oder jede Gemeinde zwischen anarchistischen und antianarchistischen Fraktionen aufgeteilt wäre. Der endgültige Sieg müsste ein langer und mühsamer Prozess sein. Die einzige Möglichkeit, die staatstragenden Enklaven wirklich für sich zu gewinnen, bestünde darin, ihre Kinder für sich zu gewinnen, was durch die Schaffung eines offensichtlich freieren, angenehmeren, schöneren, sichereren, entspannteren und erfüllteren Lebens in den staatenlosen Teilen erreicht werden könnte. Ausländische kapitalistische Mächte hingegen würden, selbst wenn sie nicht militärisch eingreifen würden, alles tun, um die berüchtigte ‚Bedrohung durch ein gutes Beispiel‘ durch Wirtschaftsboykotte und Subversion sowie durch das Einspeisen von Ressourcen in die staatlich regierten Zonen abzuwenden. Am Ende würde wahrscheinlich alles davon abhängen, inwieweit anarchistische Siege in Spanien zu ähnlichen Aufständen anderswo inspiriert haben.

Der eigentliche Sinn dieser phantasievollen Übung besteht darin, darauf hinzuweisen, dass es in der Geschichte keine sauberen Brüche gibt. Die alte Idee des sauberen Bruchs, der eine Moment, in dem der Staat fällt und der Kapitalismus besiegt wird, impliziert, dass alles andere kein wirklicher Sieg ist. Wenn der Kapitalismus stehen gelassen wird, wenn er beginnt, deine einst subversiven Ideen zu vermarkten, zeigt das, dass die Kapitalist:innen wirklich gewonnen haben. Du hast verloren; du wurdest kooptiert. Für mich ist das absurd. Können wir sagen, dass der Feminismus verloren hat, dass er nichts erreicht hat, nur weil die Unternehmenskultur sich verpflichtet fühlte, Lippenbekenntnisse zur Verurteilung des Sexismus abzugeben, und weil kapitalistische Firmen begannen, feministische Bücher, Filme und andere Produkte zu vermarkten? Selbstverständlich nicht: Sofern es dir nicht gelungen ist, Kapitalismus und Patriarchat mit einem Schlag zu zerstören, ist dies eines der deutlichsten Anzeichen dafür, dass du etwas erreicht hast. Vermutlich wird jeder wirksame Weg zur Revolution endlose Momente der Kooptierung, endlose siegreiche Kampagnen, endlose kleine aufständische Momente oder Momente der Flucht und verdeckten Autonomie beinhalten. Ich zögere sogar, darüber zu spekulieren, wie er wirklich aussehn könnte. Aber um in dieser Richtung zu beginnen, müssen wir zunächst einmal erkennen, dass wir tatsächlich ab und an gewinnen.

Tatsächlich haben wir in letzter Zeit eine ganze Menge gewonnen. Die Frage ist, wie wir den Kreislauf von Begeisterung und Verzweiflung durchbrechen und einige strategische Visionen entwickeln können (je mehr, desto besser), wie diese Siege aufeinander aufbauen können, um eine kumulative Bewegung hin zu einer neuen Gesellschaft zu schaffen.

Von 2001 bis heute – der Kampf geht weiter


Übersetzung des Hauptartikels von SchwarzerPfeil, leicht editiert übernommen


Was ist der Sinn, wenn wir nicht Spaß haben können?

Meine Freundin June Thunderstorm und ich haben einmal auf einer Wiese an einem Bergsee sitzend eine halbe Stunde damit verbracht, eine von dem Stiel eines Grashalms hängende Raupe zu beobachten. Sie drehte sich in jede mögliche Richtung, sprang zum nächsten Stiel und wiederholte das Ganze dann. Und so fuhr sie in großen Kreisen fort – was eine enorme Aufwendung von Energie gewesen sein muss – ohne dass ein Sinn dabei zu erkennen war.

»Alle Tiere spielen«, hatte June einmal zu mir gesagt. »Selbst Ameisen.«Sie hatte viele Jahre als professionelle Gärtnerin gearbeitet und hatte viele solche Vorfälle beobachten und reflektieren können. »Schau«, sagte sie, mit einer bescheiden triumphierenden Miene, »Siehst du was ich meine?«

Am Ende unseres Buches From Democracy to Freedom erschien dieses von David inspirierte Zitat

Die meisten von uns, die diese Geschichte hören, würden Beweise verlangen. Wie wissen wir, dass die Raupe gespielt hat? Vielleicht waren die unsichtbaren in der Luft gegangenen Kreise in Wirklichkeit nur die Suche nach einer unbekannte Art von Beute. Oder ein Paarungsritual. Können wir beweisen, dass es das nicht war? Selbst wenn die Raupe gespielt hatte – wie wissen wir dass diese Form von Spiel letztlich nicht einem praktischen Zweck diente: Übung oder Training für einen möglichen Raupen Notfall in der Zukunft.

Dies wäre auch die Reaktion der meisten professionellen Etholog*innen. Im Großen und Ganzen wird eine Analyse von dem Verhalten von Tieren nur dann als wissenschaftlich angesehen, wenn zumindest stillschweigend, angenommen wird, dass das Tier nach denselben Mittel/Zweck Kalkulationen agiert, die für wirtschaftliche Transaktionen gelten. Unter diesen Annahmen muss ein Aufwand von Energie einem Ziel folgen, sei es nun das Beschaffen von Essen, die Sicherung von Territorium, das Erreichen von Dominanz oder die Maximierung des Erfolges von Reproduktion – außer jemand kann absolut beweisen, dass es nichts davon ist, und absolute Beweise in solchen Dingen sind, wie man sich denken kann, sehr schwer zu bekommen.

Ich muss hier betonen, dass es nicht wirklich etwas ausmacht welche Sorte von Tier-Motivationstheorie eine Wissenschaftler*in in Erwägung ziehen könnte: was sie glaubt was ein Tier denkt, oder ob sie denkt, dass ein Tier überhaupt so etwas wie »denken« kann. Ich sage nicht, dass Etholog*innen tatsächlich glauben, dass Tiere nur rational kalkulierende Maschinen sind. Ich sage einfach nur, dass Etholog*innen sich so sehr in eine Richtung eingeengt haben, dass es um wissenschaftlich zu sein bedeutet eine Erklärung von Verhalten unter rationellen Konditionen zu geben – was bedeutet ein Tier so zu beschreiben als ob es ein kalkulierender wirtschaftlicher Akteur, welcher versucht eine Art von Selbstinteresse zu maximieren, wäre und das egal unter welcher Theorie von Tier-Psychologie und Motivation sie forschen.

Dies ist warum die Existenz von dem Spielen von Tieren als eine Art wissenschaftlicher Skandal angesehen wird. Es ist zu wenig studiert und diejenigen, die es studieren werden als leicht exzentrisch angesehen. So wie mit vielen leicht bedrohlich spekulativen Ideen werden schwierig zu erfüllende Kriterien eingeführt um zu beweisen, dass das Spielen von Tieren existiert, und selbst wenn es anerkannt wird, kannibalisiert die Forschung meist selber ihre Erkenntnisse bei dem Versuch zu demonstrieren, dass das Spielen eine Funktion für das Langzeitüberleben oder die Reproduktion hat.

Dies einmal außer acht gelassen, sind jene, die in die Materie eintauchen, zu der Einsicht gezwungen, dass Spielen quer durchs Tierreich existiert. Und zwar existiert es nicht nur unter so notorisch frivolen Kreaturen wie Affen, Delfine oder Welpen, sondern auch unter so eher unpassenden Spezien wie Fröschen, Elritzen, Salamandern, Winkerkrabben und ja sogar Ameisen (welche sich nicht nur in solch frivolen Aktivitäten als Individuen beteiligen, sondern auch seit dem 19. Jahrhundert beobachtet wurden wie sie Scheinkriege organisieren, anscheinend nur für den Spaß an der Sache).

Wieso spielen Tiere? Naja, wieso sollten sie es nicht tun? Die richtige Frage ist: Wieso finden wir die Existenz so eines Aktes für den reinen Genuss des Aktes, Anstrengung für den reinen Genuss von Anstrengung mysteriös? Was sagt es über uns aus, dass wir es instinktiv mysteriös finden?

Das Überleben der Außenseiter

Die Tendenz im populären Denken die biologische Welt in ökonomischen Formen anzusehen war sehr gegenwärtig am Anfang des Darwinismus im 19. Jahrhundert. Charles Darwin hat schließlich den Begriff »Das Überleben der Stärkeren« vom Soziologen Herbert Spencer, dem Liebling der Räuberbarone, übernommen. Spencer, im Gegenzug, war überrascht wie sehr die Kräfte, die die natürliche Selektion in Die Entstehung der Arten vorantreiben mit seinen Laissez-faire ökonomischen Theorien zusammenpassen. Wettbewerb über Ressourcen, rationale Kalkulationen von Vorteilen und das graduelle Aussterben der Schwachen waren dort die primären Richtlinien des Universums.

Aus dem Blickwinkel, dass die Natur das Theater für einen brutalen Kampf um Existenz war, ging es um existenzielle Grundlagen und so wurden schon früh Einwendungen laut. Eine alternative Schule des Darwinismus entstand in Russland mit einer Betonung auf Kooperation, nicht Wettbewerb, als primäre Kraft hinter evolutionärer Veränderung. 1902 fand dieser Blickwinkel eine Stimme in dem populären Buch, Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, vom Naturwissenschaftler und revolutionären anarchistischen Flugblattschreiber Pjotr Kropotkin. In einem expliziten Konter zum Sozialdarwinismus vertrat Kropotkin den Standpunkt, dass die gesamte theoretische Basis für Sozialdarwinismus falsch war: die Spezien die am besten kooperieren tendieren dazu auf lange Sicht die konkurrenzfähigsten zu sein. Kropotkin, geboren als Prinz (er sagte sich als junger Mann von seinem Titel los), verbrachte viele Jahre in Sibirien als Naturwissenschaftler und Erforscher bevor er wegen revolutionärer Agitation eingesperrt wurde, dann ausbrach und nach London floh. Gegenseitige Hilfe entstand aus einer Serie von Essays, welche als Antwort auf Thomas Henry Huxley, einem sehr bekannten Sozialdarwinisten, geschrieben wurden und fasste das damalige Russische Verständnis zusammen, welches sagte, dass obwohl Kompetition zweifellos ein Faktor war der natürliche und soziale Evolution vorantreibt, die Rolle von Kooperation ultimativ die Entscheidende ist.

Die Russische Herausforderung wurde in der Biologie des 20. Jahrhundert vollkommen seriös angenommen – vor allem unter den aufkommenden Unterdisziplinen der psychologischen Evolution – selbst wenn es nur selten beim Namen genannt wurde. Es wurde stattdessen unter dem breiterem »Problem des Altruismus« zusammengefasst – ein weiterer Begriff der von Ökonomen entliehen wurde und einer der in die Argumente von Theoretiker*innen der »Rationalen Entscheidung« in die Sozialwissenschaften überschwappte. Dies war die Frage die schon Darwin bewegte: Wieso sollten Tiere jemals ihre eigenen Vorteile für andere opfern? Denn niemand kann verneinen, dass sie es manchmal tun. Wieso sollte ein Herdentier potentielle lebensgefährliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen indem es seine Gefährten vor einem kommendem Raubtier warnt? Wenn es für den Fortschritt einer wissenschaftlichen Erklärung des Verhaltenes rationale, maximierende Motive bedarf, was genau versucht dann eine Kamikaze-Biene zu maximieren?

Wir alle wissen die eventuelle Antwort, welche die Entdeckung der Gene möglich gemacht hat. Tiere haben einfach versucht die Verbreitung ihres eigenen genetischen Codes zu maximieren. Seltsamerweise wurde diese Ansicht – welche irgendwann den Namen Neo-Darwinismus bekam – weitestgehend von Leuten entwickelt, die sich auf die eine oder die andere Art und Weise als Radikale ansahen. Jack Haldane, ein marxistischer Biologe, war schon in den 1930ern dabei Moralist*innen zu nerven indem er witzelte, dass er, wie jede biologische Entität, froh wäre sein Leben für »zwei Brüder oder acht Cousins« zu opfern. Das Inbegriff dieses Gedankenganges wurde das Buch des militanten Atheisten Richard Dawkins Das egoistische Gen – ein Werk das darauf besteht, dass alle biologische Entitäten am besten als »trampelige Roboter« zu sehen sind, programmiert vom genetischen Code, welcher sich, aus einem unbestimmten Grund den niemand ganz erklären kann, wie »erfolgreiche Chicago Gangster« verhält, also rücksichtslos sein Territorium vergrößern in einem endlosen Verlangen sich selbst zu propagieren. Solche Beschreibungen wurden typischerweise mit Bemerkungen, wie »Natürlich ist dies nur eine Metapher, Gene wollen nicht wirklich etwas oder sogar etwas tun.«, qualifiziert. Aber in Wirklichkeit wurden die Neo-Darwinist*innen praktisch zu dieser Schlussfolgerung durch ihre ursprüngliche Annahme gezwungen: dass Wissenschaft eine rationale Erklärung fordert, dass dies bedeutet rationale Motive zu jedem Verhalten zu zuschreiben und dass eine wirklich rationale Motivation nur eine sein kann, die, wenn in Menschen beobachtet, normalerweise als Selbstsucht oder Gier beschrieben werden würde. Als Ergebnis gingen die Neo-Darwinist*innen noch weiter als die Viktorianische Variante. Wenn althergebrachte Sozialdarwinisten wie Herbert Spencer Natur als einen Markt sahen, allerdings als einen ungewöhnlich unbarmherzigen, war die neue Version gänzlich kapitalistisch. Die Neo-Darwinist*innen vermuteten nicht nur ein Kampf ums Überleben, sondern ein Universum, angetrieben von einer anscheinend irrationalen Notwendigkeit nach unlimitiertem Wachstum.

Dies jedenfalls ist wie die Russische Herausforderung verstanden wurde. Kropotkins wirkliches Argument ist viel interessanter. Vieles davon beschäftigt sich zum Beispiel damit wie Kooperation von Tieren oft gar nichts mit Überleben oder Reproduktion zu tun hat, sondern eine Form von Vergnügen an sich ist. »Als Schwarm nur aus Vergnügen herumfliegen passiert recht häufig unter allerlei Vögeln,« schreibt er. Kropotkin vervielfacht diese Beispiele von sozialem Spiel: Geierpaare die sich für ihre eigene Unterhaltung auf dem Boden rollen, Hasen die sich so sehr mit anderen Spezien herumschlagen wollen, dass sie gelegentlich (und unklug) auf einen Fuchs zu gehen, Vogelschwärme die Militär-ähnliche Manöver ausführen, Gruppen von Eichhörnchen die zum Ringen und für ähnliche Spiele zusammenkommen:

Das Zitat im Original

Wir wissen jetzt, daß alle Tiere, zu beginnen mit den Ameisen, über die Vögel weg zu den höchsten Säugetieren, es lieben zu spielen, miteinander zu balgen, hintereinander herzurennen, einander zu haschen, einander zu necken, usw. Und während manche Spiele sozusagen für die Jungen eine Vorschule für das richtige Benehmen im reiferen Lebensalter sind gibt es wieder andere, die abgesehen von ihren nützlichen Zwecken, zugleich mit Tanzen und Singen bloße Äußerungen überschüssiger Kraft sind – der „Lebensfreude“ und ein Wunsch, auf eine oder die andere Weise mit anderen Individuen derselben oder anderer Arten zu verkehren – kurz, recht einfach eine Äußerung der Geselligkeit, die ein Charakterzug der gesamten Tierwelt ist.

Seine eigenen Fähigkeiten zur vollen Entfaltung zur bringen heißt Vergnügen an der eigenen Existenz zu haben und bei geselligen Kreaturen wird dieses Vergnügen verhältnismäßig vergrößert,wenn es mit anderen durchgeführt wird. Von der Russischen Perspektive gesehen muss dies nicht erklärt werden. Es ist einfach was Leben ist. Wir müssen nicht erklären warum Kreaturen das Verlangen haben lebendig zu sein. Das Leben ist ein Selbstzweck. Und wenn es um lebendig zu sein bedeutet Kraft zu haben – um zu rennen, springen und durch die Luft zu fliegen – dann ist die Ausübung solcher Kraft sicherlich ein Selbstzweck, der nicht weiter erklärt werden muss. Es ist nur eine Erweiterung desselben Prinzips.

Schon 1795 hat Friedrich Schiller argumentiert, dass präzise im Spiel der Ursprung von Selbstbewusstsein und daher Freiheit und daher Moralität zu finden ist. »Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist« schrieb Schiller in Über die ästhetische Erziehung des Menschen »und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Wenn dies so ist, und Kropotkin Recht hatte, dann erscheinen Glimmer von Freiheit, oder sogar moralischem Leben, überall um uns herum.

Es ist dann schwerlich überraschend, dass dieser Aspekt von Kropotkins Argument von den Neo-Darwinist*innen ignoriert wurde. Anders als »das Problem des Altruismus« konnte Kooperation zum Vergnügen, als ein Selbstzweck, aus ideologischen Gründen nicht wieder integriert werden. Tatsächlich hatte die Version des Kampfes um Überlebendie sich im 20. Jahrhundert entwickelte noch weniger Platz für Spielen als die Viktorianische. Herbert Spencer hatte kein Problem mit der Vorstellung, dass das Spielen von Tieren keinen Grund hat, keinen mehr als der Genuss von überschüssiger Energie. Grade wie ein erfolgreicher Industrieller oder Verkäufer nach Hause gehen konnte und eine Runde Cribbage oder Polo spielen konnte, wieso konnten nicht auch die Tiere, die im Kampf um Existenz bestanden hatten, ein bisschen Spaß haben? Aber in der neuen komplett kapitalistischen Version von Evolution, wo der Drang nach Akkumulation keine Limits kennt, war das Leben kein Selbstzweck mehr, sondern nur noch eine Weitergabe von DNA Sequenzen – und so war die reine Existenz von Spiel so etwas wie ein Skandal.

Warum ich?

Es ist nicht bloß so, dass Wissenschaftler*innen zögern sich auf einen Weg zu begeben der sie zu dem Spiel – und somit den Wurzeln von Selbstbewusstsein, Freiheit und moralischem Leben – von Tieren führen könnte. Viele finden es zunehmend schwierig Begründungen zu finden um dies selbst Menschen zuzuschreiben. Sobald alle lebenden Wesen auf das Äquivalent von Finanzmarktakteur*innen – rational kalkulierende Maschinen die versuchen ihren genetischen Code weiterzugeben – reduziert werden, musst du akzeptieren, dass nicht nur allein die Zellen die deinen Körper bilden, sondern auch unsere Vorfahren (was für Wesen es auch waren) ein Fehlen von Selbstbewusstsein, Freiheit und moralischem Denken hatten – was es schwierig macht zu verstehen wie und wieso Bewusstsein (ein Verstand, eine Seele) überhaupt entstehen konnte.

Der amerikanische Philosoph Daniel Dennett beschreibt das Problem recht deutlich. Nimm einen Hummer, argumentiert er – sie seien nur Roboter. Hummer können ohne Selbstgefühl klar kommen. Du kannst ihn nicht fragen wie es ist ein Hummer zu sein. Es ist wie gar nichts. Sie haben nichts was einem Bewusstsein ähnlich sein würde; sie sind Maschinen. Aber wenn dies so ist, argumentiert Dennett, muss dies für alle auf der evolutionären Skala von Komplexität gelten, von den lebenden Zellen die unseren Körper bilden zu solch aufwendigen Kreaturen wie Affen und Elefanten, bei denen, trotz all ihrer anscheinend menschenähnlichen Qualitäten, nicht bestätigt werden kann, dass sie über das nachdenken was sie tun. Das heißt, bis Dennett plötzlich zum Menschen kommt, welche – während sie sicherlich 95 Prozent der Zeit auf Autopilot laufen – nichtsdestotrotz ein ›Ich‹ zu haben scheinen; dieses Bewusstsein das obendrauf gepflanzt ist, das ab und zu die überwachende Aufmerksamkeit übernimmt, eingreift um dem System zu sagen, dass es einen neuen Job suchen solle, mit dem Rauchen aufhören solle oder eine wissenschaftliche Arbeit über den Ursprung des Bewusstseins schreiben solle. In Dennetts Formulierung,

Ja, wir haben eine Seele. Aber sie besteht aus vielen kleinen Robotern. Irgendwie organisieren sich die Billionen von robotischen (und bewusstlosen) Zellen, die unseren Körper bilden, in einem interaktiven System, dass die Aktivitäten erhält, die traditionell der Seele zugeordnet werden, das Ego oder Selbst. Da wir aber schon eingeräumt haben, dass einfache Roboter bewusstlos sind (wenn Toaster, Thermostate und Telefone bewusstlos sind), warum konnten Teams solcher Roboter ihr ausgefallenere Projekte nicht durchführen, ohne so etwas wie mich zu kreieren? Wenn das Immunsystem und die Hand-Auge Koordination, dass die Beeren pflückt, einen eigenen Verstand hat, dann wieso einen Superverstand machen, der all dies überwacht?

Dennetts eigene Antwort ist nicht wirklich überzeugend: er schlägt vor, dass wir ein Bewusstsein entwickeln, durch welches wir lügen können, welches uns einen evolutionären Vorteil gibt. (Wenn dies so ist, würden Füchse nicht auch ein Bewusstsein haben?) Aber die Frage wird eine Größenordnung schwieriger, wenn du fragst wie es passiert – das »schwierige Problem des Bewusstseins«, wie David Chalmer es nennt. Wie kombinieren sich anscheinend robotische Zellen und Systeme auf solche eine Weise, dass sie qualitative Erfahrungen haben: Feuchtigkeit zu fühlen, Wein zu genießen, für Cumbia zu schwärmen, aber indifferent zu Salsa zu sein? Einige Wissenschaftler sind ehrlich genug um einzugestehen, dass sie nicht die geringste Idee haben, wie solche Erfahrungen zu erklären sind und vermuten, dass sie sie nie haben werden.

Tanzen die Elektron(en)?

Da ist ein Weg raus aus diesem Dilemma und der erste Schritt ist zu erwägen, dass der Startpunkt falsch sein könnte. Betrachte den Hummer neu. Hummer haben einen sehr schlechten Ruf unter Philosoph*innen, die sie oft als Beispiel für reine nicht-denkende, nicht-fühlende Kreaturen verwenden. Vermutlich, weil Hummer die einzigen Tiere sind die Philosoph*innen mit ihren eigenen Händen getötet haben, bevor sie sie gegessen haben. Es ist unangenehm eine um ihr Leben kämpfende Kreatur in kochendes Wasser zu schmeißen; die Person muss in der Lage sein sich selbst zu sagen, dass der Hummer es nicht wirklich fühlt. (Die einzige Ausnahme zu diesem Muster scheint aus irgendeinen Grund Frankreich zu sein, wo Gérard de Nerval einen Hummer als Haustier an einer Leine führte und Jean-Paul Sartre einmal auf erotische Art und Weise von Hummern besessen war, nachdem er zu viel Meskalin genommen hatte.) Tatsächlich haben aber wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass selbst Hummer sich an einigen Arten von Spiel beteiligen – beispielsweise dem manipulieren von Gegenständen, möglicherweise nur für das Vergnügen daran. Wenn dies der Wahrheit entspricht, würde es, wenn man solche Kreaturen ›Roboter‹ nennt, dem Wort ›Roboter‹ seiner Bedeutung rauben. Maschinen blödeln nicht einfach herum. Aber wenn lebende Kreaturen letztendlich doch keine Roboter sind, würden viele der anscheinend dornigen Fragen sofort verschwinden.

Was würde passieren, wenn wir von der gegenteiligen Perspektive starten würden und vereinbaren Spielen nicht als eine Anomalie zu behandeln, sondern als unseren Startpunkt, ein Prinzip, welches sich nicht nur in Hummern und in der Tat allen lebenden Kreaturen zeigt, sondern wir auf jedem Level finden, das Physikerinnen, Chemiker*innen und Biologen als ›Selbstorganisierte Systeme‹ beschreiben?

Dies ist bei weitem nicht so verrückt, wie es klingen mag.

Philosoph*innen der Wissenschaft, die mit dem Rätsel, wie Leben aus toter Materie entsteht oder wie Wesen mit Bewusstsein sich aus Mikroben entwickeln, konfrontiert werden, haben zwei Arten von Erklärungen entwickelt.

Die Erste wird Emergenz genannt. Das Argument dabei ist, dass wenn ein gewisses Level von Komplexität erreicht wird, dort eine Art qualitativer Sprung ist, bei welchem komplett neue Sorten von physischen Gesetzen ›entstehen‹ können – solche die auf dem basieren was davor kam, aber nicht darauf reduziert werden können. Auf diese Art und Weise kann man sagen, dass die Gesetze der Chemie aus den Gesetzen der Physik entstehen: Die Gesetze der Chemie setzen die Gesetze der Physik voraus, können aber nicht einfach auf sie reduziert werden. Auf dieselbe Art und Weise basieren die Gesetze der Biologie auf denen der Chemie: eine Person muss offensichtlich die chemischen Komponente eines Fisches verstehen um zu verstehen wie dieser schwimmt, aber die chemischen Komponente werden nie eine volle Erklärung geben. Und auf dieselbe Art und Weise kann man sagen, dass der menschliche Verstand von den Zellen kommt aus welchen er besteht.

Jene, die die zweite Position vertreten, normalerweise Panpsychismus oder Panexperientialismus genannt, stimmen zu, dass dies alles möglicherweise wahr ist, aber argumentieren, dass Emergenz nicht ausreichend ist. Wie es britischer Philosoph Galen Strawson vor kurzem dargestellt hat: sich vorzustellen, dass man in nur zwei Sprüngen von empfindungsloser Materie zu einem Wesen werden kann, dass in der Lage ist die Existenz von empfindungsloser Materie zu diskutieren, ist einfach zu viel Arbeit für Emergenz. Etwas muss schon da sein, auf jedem Level von materieller Existenz, sogar auf dem von subatomarischen Partikeln – etwas, dass, egal wie minimal und embryonal, einige der Sachen, von denen wir denken, dass sie Leben (und sogar Verstand) sind, tut – so dass dieses Etwas, sich auf mehr und mehr komplexeren Leveln organisierend, eventuell selbstbewusste Wesen produziert. Dieses ›Etwas‹ mag sehr minimal sein: ein sehr rudimentärer Sinn von Aufmerksamkeit zum Umfeld, etwas wie Erwartung, etwas wie Gedächtnis. Wie rudimentär er auch sein mag, müsste er schon für selbstorganisierte Systeme wie Atome oder Moleküle existieren, so dass sie sich überhaupt selbst organisieren könnten.

Allerlei Fragen stehen bei der Debatte auf dem Spiel, das uralte Problem des freien Willens eingeschlossen. Wie sich schon unzählige Jugendliche gefragt haben – oft während sie high waren und das erste Mal die Mysterien des Universums betrachteten – wenn die Bewegungen der Partikel die unser Gehirn bilden schon von natürlichen Gesetzen bestimmt werden, wie können wir dann freien Willen haben? Die standardmäßige Antwort seit Heisenberg ist, dass die Bewegungen von Partikeln nicht prädeterminiert ist: Quantenphysik kann vorhersagen zu welcher Position zum Beispiel Elektronen im großen und ganzen einer gegebenen Situation neigen zu springen, aber es ist einfach unmöglich vorherzusagen welche Richtung Elektronen in einer bestimmten Instanz springen. Problem gelöst.

Obwohl nicht wirklich – etwas fehlt immer noch. Wenn all dies bedeutet, dass die Partikel, die unser Gehirn bilden, zufällig herum springen, müsste ein Mensch sich immer noch eine immaterielle, metaphysische Entität (›Verstand‹) vorstellen, die eingreift um die Neuronen in nicht-zufällige Richtungen zu lenken. Aber dies würde zirkular sein: du bräuchtest schon einen Verstand um dein Gehirn wie einen Verstand handeln zu lassen.

Wenn diese Bewegungen im Kontrast jedoch nicht zufällig sind, kannst du wenigstens anfangen über eine materielle Erklärung nachzudenken. Und die Präsenz einer endlosen Form von Selbstorganisation in der Natur - Strukturen die sich selbst in Gleichgewicht in ihrer Umgebung aufrechterhalten, von elektromagnetischen Feldern bis hin zu Prozessen von Kristallisierung – geben Panpsychist*innen eine große Auswahl von Materialien zum Arbeiten. Freilich, so argumentieren sie, kannst du darauf bestehen, dass all diese Entitäten einfach den natürlichen Gesetzen (Gesetze deren Existenz selber nicht erklärt werden muss) ›gehorchen‹ müssen oder dass sie sich nur komplett zufällig bewegen… aber wenn du dies tust, ist es einfach nur weil du entschieden hast, dass das der einzige Weg ist wie du es betrachten willst. Und es lässt den Fakt, dass du einen Verstand hast der in Lage ist solche Entscheidungen zu treffen, ein reines Mysterium bleiben.

Zugegebenermaßen ist dieser Ansatz immer nur eine Minderheitenposition gewesen. In großen Teilen des 20ten Jahrhunderts wurde er komplett beiseite gelegt. Es ist einfach sich über diesen witzig zu machen. (»Warte mal, du schlägst nicht wirklich vor, dass ein Tisch denken kann?« Nein in Wirklichkeit schlägt das niemand vor; das Argument ist, dass die selbstorganisierten Elemente die einen Tisch bilden, wie zum Beispiel Atome, extrem einfache Formen von Qualitäten zeigen, die wir auf einem extrem komplexeren Level als Gedanken ansehen.) Aber in den letzten Jahren, besonders mit der neu gefundenen Beliebtheit in manchen Zirkeln an den Ideen der Philosophen Charles Sander Peirce (1839-1914) und Alfred North Whitehead (1861–1947), haben wir den Anfang einer Art von Wiederbelebung gesehen.

Interessanterweise sind es vor allem Physiker*innen die für solche Ideen empfänglich sind. (Ebenso Mathematiker*innen – möglicherweise nicht überraschend da Peirce und Whitehead selbst ihre Karrieren als Mathematiker begannen.) Physiker*innen sind verspielter und weniger engstirnige Kreaturen als zum Beispiel Biolog*innen – teilweise zweifellos weil sie selten mit religiösen Fundamentalisten disputieren müssen, die die Gesetze der Physik herausfordern. Sie sind die Poet*innen der wissenschaftlichen Welt. Wenn eine Person bereits gewillt ist dreizehn-dimensionale Objekte oder eine endlose Nummer von Paralleluniversen zu akzeptieren, oder beiläufig vorzuschlagen, dass 95% des Universums aus Dunkler Materie und Energie besteht, über deren Eigenschaften wir nichts wissen, ist es vielleicht kein allzu großer Sprung ebenfalls die Möglichkeit zu betrachten, dass subatomare Partikel einen ›freien Willen‹ oder Erfahrungen haben. Und in der Tat ist die Existenz von Freiheit auf dem subatomaren Level zur Zeit eine heiß diskutierte Frage.

Ist es sinnvoll zu sagen, dass ein Elektron ›wählt‹, so zu springen, wie es springt? Offensichtlich gibt es keine Möglichkeit, das zu beweisen. Den einzigen Beweis, den wir haben könnten (dass wir nicht vorhersagen können, was es tun wird), haben wir. Aber er ist kaum entscheidend. Dennoch, wenn man eine konsequent materialistische Erklärung der Welt will – das heißt, wenn man den Verstand nicht als irgendeine übernatürliche Entität behandeln will, die der materiellen Welt aufgezwungen wird, sondern einfach als eine komplexere Organisation von Prozessen, die bereits auf jeder Ebene der materiellen Realität ablaufen –, dann macht es Sinn, dass etwas, das zumindest ein wenig wie Intentionalität, etwas das zumindest ein wenig wie Erfahrung, etwas das zumindest ein wenig wie Freiheit ist, auch auf jeder Ebene der physischen Realität existieren müsste.

Wieso schrecken dann die meisten von uns bei solchen Schlussfolgerungen sofort zurück? Wieso sehen sie so verrückt und unwissenschaftlich aus? Oder um auf den Punkt zu kommen wieso sind wir vollkommen gewillt einem Strang von DNA Handlungsfähigkeit zuzuschreiben, aber finden es absurd das selbe mit einem Elektron, einer Schneeflocke oder einem kohärenten elektromagnetischen Feld zu machen? Die Antwort scheint zu sein: weil es geradezu unmöglich ist einer Schneeflocke Selbstinteresse zuzuschreiben. Wenn wir uns selber davon überzeugt haben, dass rationale Erklärungen des Handelns nur daraus bestehen kann Handeln zu behandeln als wäre eine Art von eigennütziger Kalkulation dahinter, dann können bei dieser Definition nicht auf all diesen Leveln rationale Erklärungen gefunden werden. Ungleich zu einem DNA Molekül, bei welchem wir zumindest vorgeben können, dass es ein gangsterartiges Projekt von unbarmherziger Selbstverherrlichung verfolgt, hat ein Elektron keine materiellen Interesse zu verfolgen, nicht einmal Überleben. Es ist auf keine Art und Weise in Konkurrenz mit anderen Elektronen. Wenn ein Elektron frei handelt – wenn es, wie Richard Feynman angeblich gesagt haben soll, »alles tut was es will« – kann es nur als Selbstzweck frei handeln. Was bedeuten würde, dass wir auf dem Fundament von physikalischer Realität Freiheit als Selbstzweck vorfinden – was ebenfalls bedeutet, dass wir die rudimentärste Art von Spiel vorfinden.

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Mit den Fischen schwimmen

Lasst uns ein Prinzip vorstellen. Lasst es uns ein Prinzip der Freiheit nennen – oder da latenten Konstruktionen in solchen Dingen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, lasst es uns ein Prinzip der spielerischen Freiheit nennen. Lasst uns vorstellen, dass es beinhaltet, dass die freie Ausübung der komplexesten Kräfte oder Fähigkeiten einer Entität, zumindest unter bestimmten Umständen, ein Selbstzweck wird. Es würde natürlich nicht das einzige aktive Prinzip in der Natur sein. Andere ziehen in andere Richtungen. Aber wenn auch nichts anderes würde es wenigstens erklären was wir wirklich beobachten, zum Beispiel dass das Universum, dem zweiten Gesetz der Thermodynamik zum Trotz, mehr anstatt weniger komplex zu werden scheint. Evolutionäre Psycholog*innen behaupten, dass sie – wie der Titel eines aktuellen Buches es fasst – erklären können »warum Sex Spaß macht«. Was sie nicht erklären können ist warum Spaß Spaß macht. Dieses könnte es.

Ich sage nicht, dass was ich bisher präsentiert habe keine brutale Simplifikation von sehr komplizierten Problemen ist. Ich sage nicht einmal, dass die Position die ich hier vorstelle – dass so etwas wie ein Prinzip von Spiel an der Basis von allen physikalischen Realitäten gibt – unbedingt wahr ist. Ich würde einfach darauf beharren, dass so eine Perspektive zumindest so plausibel ist wie die bizarr inkonsistenten Spekulationen, die als orthodox durchgehen, in welchen ein sinnloses, robotisches Universum auf einmal Poeten und Philosophinnen aus dem Nichts produziert. Auch glaube ich nicht, dass das Sehen von Spiel als ein Prinzip der Natur notwendigerweise bedeutet, dass man irgendeine Art undurchsichtige utopische Weltanschauung annehmen muss. Das Prinzip des Spiels kann erklären warum Sex Spaß macht, aber es kann genauso erklären warum Grausamkeit Spaß macht. (Wie jeder, der eine Katze mit einer Maus spielen gesehen hat, aussagen kann: eine Menge von tierischem Spiel ist nicht sehr nett.) Aber es gibt uns einen Grund die Welt um uns herum umzudenken.

Vor Jahren, als ich in Yale unterrichtete, wieß ich manchmal Lektüre zu, die eine berühmte taoistische Geschichte enthält. Ich bot ein automatisches ›A‹ für alle Student*innen an, die mir sagen konnten warum die letzte Zeile Sinn ergab. (Niemandem ist es je gelungen.)

Dschuang Dsï ging einst mit Hui Dsï spazieren am Ufer eines Flusses. Dschuang Dsï sprach: »Wie lustig die Forellen aus dem Wasser herausspringen! Das ist die Freude der Fische.«

Hui Dsï sprach: »Ihr seid kein Fisch, wie wollt Ihr denn die Freude der Fische kennen?«

Dschuang Dsï sprach: »Ihr seid nicht ich, wie könnt Ihr da wissen, daß ich die Freude der Fische nicht kenne?«

Hui Dsï sprach: »Ich bin nicht Ihr, so kann ich Euch allerdings nicht erkennen. Nun seid Ihr aber sicher kein Fisch, und so ist es klar, daß Ihr nicht die Freude der Fische kennt.«

Dschuang Dsï sprach: »Bitte laßt uns zum Ausgangspunkt zurückkehren! Ihr habt gesagt: Wie könnt Ihr denn die Freude der Fische erkennen? Dabei wußtet Ihr ganz gut, daß ich sie kenne, und fragtet mich dennoch. Ich erkenne die Freude der Fische aus meiner Freude beim Wandern am Fluß.«

Die Anekdote wird normalerweise als die Konfrontation zwei unvereinbarer Anschauungen der Welt gesehen: die logische gegen die mystische. Aber wenn dies wahr ist, warum hat Zhuangzi, der es niederschrieb, sich als von seinem logischen Freund besiegt gezeigt?

Nachdem ich über die Geschichte jahrelang nachgedacht hatte, fiel mir auf, dass dies der gesamte Punkt war. Nach allen Quellen waren Zhuangzi und Huizi beste Freunde. Sie mochten es Stunden mit solchen Argumenten zu verbringen. Sicherlich war das das worauf Zhuangzi hinaus wollte. Wir beide können verstehen, was der andere fühlt, da, während wir über die Fische argumentieren, wir genau das gleiche tun was die Fische machen: Spaß haben, etwas nur tun für den Genuss dieses zu tun. Bei einer Art von Spiel mitzumachen. Der Fakt, dass du dich versucht gefühlt hast mich in einem Argument zu besiegen, und glücklich warst, dass dies möglich ist, zeigt, dass die Prämisse, für die du argumentiert hast, falsch sein muss. Da selbst Philosophen primär von solchen Vergnügen, von der Ausübung ihrer größten Macht aus Gründen des Selbstzwecks, motiviert werden, muss da sicherlich ein Prinzip auf jedem Level von Natur existieren –warum ich es auch spontan in Fischen identifizieren konnte.

Zhuangzi hatte Recht. Genau so hatte June Thunderstorm. Unser Verstand ist nur ein Teil der Natur. Wir können die Fröhlichkeit von Fischen – oder Ameisen, oder Raupen – verstehen, da das was uns dazu bringt über solche Dinge zu diskutieren ultimativ die gleiche Sache ist.

Nun, war das nicht Spaß?

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von David Graeber, Übersetzung von Jöran König

Dies ist eine nicht-kommerzielle Übersetzung des Artikels »What’s The Point If We Can’t Have Fun« von David Graeber, erschienen auf der Website von The Baffler.