Chicago gegen ICE: »La migra, la policía, la misma porquería«

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Bericht über die Demonstrationen vom 10. Juni

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Ab dem 6. Juni kam es in Los Angeles zu heftigen Protesten gegen Razzien der Bundesbehörden gegen Einwanderer*innen. Die Unruhen breiteten sich rasch im ganzen Land aus. Im folgenden Bericht reflektieren Teilnehmer*innen der Demonstrationen und Konfrontationen in Chicago am 10. Juni über das Potential dieses Moments – und darüber, was nötig ist, um es weiter zu erschließen.


Bei Trumps Sieg im November 2024 und in den ersten Tagen seiner zweiten Amtszeit gab es kaum dynamische Straßenproteste, wie sie seinen Aufstieg zur Macht im Jahr 2016 begleitet hatten. Einige Genoss*innen sahen darin einen Beweis dafür, dass die meisten Menschen demoralisiert und demobilisiert waren und sich damit abgefunden hatten, ihr Leben an das neue Regime anzupassen, anstatt sich zu wehren. Wir hatten eine andere Hypothese: Wir glaubten, dass Hunderttausende von Menschen, vielleicht sogar noch mehr, auf den richtigen Moment warteten, um ihre Chance zu nutzen. Da es kaum außerparlamentarische Faschist*innen gab, gegen die mensch auf der Straße kämpfen konnte, und es wenig Sinn machte, vor verschiedenen Trump Towers herumzustehen und mit cleveren Plakaten zu wedeln, stellte sich die Frage: Was ist das Problem, wo sind die Ziele und was ist die beste Gelegenheit, um Trump und das Programm, für das er steht, auf sinnvolle und wirksame Weise anzugreifen?

Demonstrationen vor Tesla-Läden – und die vielversprechendere Zerstörung von Tesla-Autos und -Infrastruktur – boten einen solchen Weg, obwohl dies fest im Rahmen eines Verbraucherboykotts blieb, wenn auch eines feurigen. Die Proteste von Indivisible und 50501 erinnerten an die schlechten alten Zeiten der endlosen Gruppentherapiesitzungen unter freiem Himmel im Jahr 2017 und wiederholten größtenteils Punkt für Punkt die Botschaften von damals: Wir fordern einen kompetenteren Verwalter des blutigen Drangs des Kapitalismus zum planetarischen Selbstmord.

Dann kamen die Szenen in Los Angeles: mutige und entschlossene kollektive Aktionen, um Trumps ungeschickte Bemühungen um die »Größte Massenabschiebung der Geschichte USA« zu unterbrechen. Die Aktion war nicht symbolisch, sondern direkt und effektiv. Die Risiken wurden nicht eingegangen, um dem Faschismus die Wahrheit zu sagen, sondern um seine sich abzeichnenden Pläne praktisch zu verhindern. Und der Feind war nicht nur Trump oder seine Sturmtruppen von verblendeten Bundespolizisten, sondern auch die örtlichen Polizist*innen, die blauen Stadteliten und die gesamte soziale Ordnung, die den globalen Süden zu einem Ort macht, aus dem die Menschen fliehen wollen, während sie migrantische Arbeit zu Löhnen unterhalb des Mindestlohns sowohl wirtschaftlich notwendig als auch grausam entbehrlich machen.

Während wir die Unruhen in LA verfolgten, koordinierten Bundesbeamte Ressourcen und Personal um sie niederzuschlagen. Sie befürchteten einen ›Vorfall wie in Portland‹ – eine Übergriffigkeit des Bundes, die 2020 zu monatelangen erbitterten Straßenkämpfen führte und schließlich die Regierung blamierte. Im ganzen Land haben sich diese Befürchtungen bewahrheitet. Die Unterdrückung der Rebell*innen in LA durch die Trump-Regierung wiederholt das harte Vorgehen, das die Proteste in Portland zu einem monatelangen Aufstand gemacht hatte. Im Einsatz war die Nationalgarde und im Hintergrund standen Marines, die in Techniken zur Unterdrückung von Menschenmengen ausgebildet sind, in Bereitschaft. Und in den Städten, in denen die Polizei eher zurückhaltend reagiert, tut die Regierung ihr Bestes, um die verlorene Zeit aufzuholen. Als Reaktion auf die Unruhen der vergangenen Tage kündigte die Trump-Regierung am Abend des zehnten Tages an, dass sie beabsichtigt, Strategic Response Teams – die militarisierten ICE-Einheiten, deren Massenrazzien die Anti-ICE-Demonstrationen in Paramount, Kalifornien, zu einem stadtweiten Aufstand gemacht haben – in New York, Philadelphia, Nord-Virginia, Seattle und Chicago einzusetzen.

Los Angeles hat den Menschen, die auf den richtigen Moment zum Kämpfen gewartet haben, einen Weg aufgezeigt. Es liegt in der Verantwortung aller, die nach Befreiung streben, das Potential dieses Moments zu maximieren und dazu beizutragen, dass sich daraus eine allgemeinere Revolte gegen die kapitalistische Gesellschaft entwickelt. Dies erfordert die Bereitschaft, zu experimentieren, Risiken einzugehen und ehrlich darüber nachzudenken, was funktioniert und was nicht. Was folgt, ist ein solcher Versuch, basierend auf unseren Erfahrungen in Chicago. Nach den Kämpfen in Los Angeles sagen wir: Irgendwo muss es anfangen, irgendwann muss es anfangen. Gibt es einen besseren Ort als hier, gibt es einen besseren Zeitpunkt als jetzt?

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»Fuck ICE!«

Am 10. Juni versuchte Chicago, an die Dynamik anzuknüpfen, die in Los Angeles begonnen hatte. Am Vortag wurden ein Dutzend Menschen während eines Gerichtstermins im vierzehnten Stock eines Gebäudes in Chicagos Innenstadtviertel Loop abgeführt. Anonyme Aktivist*innen riefen für den 10. Juni eine Reihe von Demonstrationen an den Parkplatzausfahrten des Gebäudes aus, in der Hoffnung, die ICE-Transporter abzufangen, bevor sie zu einem Bearbeitungszentrum in derselben Nachbarschaft oder zu Bundeshaftanstalten außerhalb des Bundesstaates weiterfuhren. Die Demonstrant*innen trafen um 9 Uhr morgens in der 55 East Monroe Street ein und kontrollierten aggressiv jeden Transporter, der den Parkplatz verließ. Aus Sorge, dass die Menschenmenge während der Demonstration um 15 Uhr nur noch größer werden würde und dass Zusammenstöße wegen der Abschiebungswagen zu ernsthaften Unruhen führen könnten, beschlossen die Einwanderungsgerichte der Stadt, sowohl in der 55 East Monroe Street als auch am anderen Standort in Loop, einem Bundesgebäude in der 101 Ida B. Wells Drive, in dem sich auch die ICE-Außenstelle befindet, für diesen Tag zu schließen.

Die Demonstration um 15 Uhr fand wie geplant statt. Anfangs war die Beteiligung gering und die Menschen verhielten sich recht gehorsam, sodass wir nicht sicher waren, ob überhaupt etwas passieren würde. Ein Vertreter des Gebäudes kam heraus und forderte uns auf, uns vom ›Privatgrundstück‹ des Gebäudes fernzuhalten, wobei er auf eine schwache Linie deutete, die einen Betonbereich von einem anderen trennte. Die Menschenmenge kam dieser Aufforderung nach. Da sie jedoch vom größten Teil des Gehwegs verdrängt worden war, entstand eine Lücke, als die Demonstration anwuchs. Um 15:30 Uhr hatte die Menge die Straße eingenommen, und einige Teilnehmer*innen liefen zum anderen ICE-Zentrum im Loop, der Außenstelle in der Ida B. Wells, die noch in Betrieb war, obwohl ihr Gericht geschlossen war. Der Rest der Menge folgte ihnen.

Als die Demo sich der Außenstelle näherte, kam eine Fahrradkolonne in Sicht, hinter der eine Reihe von CPD-Fahrzeugen und ein paar gelbe Absperrbänder standen. Mit den Leuten, die wir hatten, wäre es unter anderen Umständen, mit einer geschlosseneren und besser vorbereiteten Menge, möglich gewesen, die Polizei zurückzudrängen. Aber die Demo war zu langsam, zu verstreut und nicht koordiniert genug, um dies zu tun; ein Teilnehmer rief »Seid wie Wasser« und schlug vor, umzukehren, und der Rest der Menge folgte ihm.

Zu diesem Zeitpunkt, mehr von den Reaktionen auf die Schikanen der Polizei als von klaren strategischen Prioritäten geleitet, verwandelte sich die Demonstration in einen Marsch ins Nirgendwo. Wir liefen drei Stunden lang, geführt durch ein Labyrinth aus Fahrradketten der CPD – wiederholt vorbei am Metropolitan Corrections Center, während die Menge ›Free them all‹ skandierte und die Menschen im Inneren gegen die Scheiben klopften, und am Federal Plaza, wo um 17:30 Uhr eine Demonstration der Party for Socialism and Liberation (PSL) stattfinden sollte, in komfortabler Entfernung zu jeglicher lokalen ICE-Infrastruktur. Einige Demonstrant*innen an der Spitze versuchten, durch die sich bildenden Fahrradketten vorzudringen, aber der Rest der Menge war nicht bereit, mit ihnen mitzugehen.

Die Demonstrant*innen waren sich uneinig darüber, welche Taktiken akzeptabel waren. Einige zogen Mülleimer auf die Straße, andere, die offenbar nicht verstanden, wie wichtig Barrikaden sind, um einen direkten Angriff der Polizei und feindseliger (und potenziell mörderischer) Autofahrer abzuwehren, hielten an, um sie wieder an ihren richtigen Platz zu stellen und den verschütteten Müll aufzuheben. Einige wollten sich mit der Polizei an den routinemäßigen Fahrradketten anlegen, die die Demonstrant*innen auf bestimmte Straßen und weg von der Polizei und der ICE-Infrastruktur leiteten; andere fühlten sich verpflichtet, die Polizei vor den Demonstrant*innen zu schützen. Zu diesem Zeitpunkt des Tages war noch nicht klar, welche Seite sich durchsetzen würde oder wo genau die Trennlinie verlief. Aber trotz der Bemühungen der Friedenspolizei und »Bewegungsmanager*innen« sprangen jedes Mal, wenn die Chicagoer Polizei versuchte, jemanden aus dem Demonstrationszug zu holen, hundert Menschen in Aktion, warfen die CPD gegen die Wand und rissen die Verhafteten physisch von ihnen weg.

Im weiteren Verlauf schrumpfte die Zahl der Demonstrant*innen auf etwas mehr als hundert. Lange Zeit liefen wir schweigend. Die CPD wollte diese Demoralisierung ausnutzen und drängte die Demo immer näher an die PSL-Demonstration auf dem Platz heran, sodass die Demonstrant*innen, die bereit waren, auf die Straße zu gehen, schließlich auf die Fahrradspur beschränkt wurden und die anderen hundert gezwungen waren, durch die PSL-Kundgebung zu laufen. Wie zuvor führte dieser Versuch, die Demo von ihrem ursprünglichen Kurs abzubringen, dazu, dass sie sich weiterentwickelte, anstatt sich aufzulösen.

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»PSL, springt ein!«

Der letzte Durchgang der autonomen Demo durch den Federal Plaza erfolgte um 17:50 Uhr, zwanzig Minuten nach Beginn der PSL-Kundgebung und weit vor dem geplanten Beginn ihres regulären Programms. Aber zwanzig Minuten Reden schienen die Menge ermüdet zu haben. Die Demo, die sich auf den Radweg beschränkte und auf den Platz gedrängt wurde, skandierte ›Whose Streets? Our Streets‹ und ›PSL hop in!‹ – und als sich die wenigen Nachzügler*innen durch die Menge drängten, schlossen sich Hunderte von Teilnehmer*innen an. Dutzende junger Menschen, viele mit Keffijehs, drängten sich auf den Radweg und strömten nach Norden durch eine Polizeikette auf Fahrrädern, die zu langsam versuchte, die Demo in einem weiteren großen Kreis nach Westen zu lenken. Die anwesenden Demonstrant*innen wurden mit der Menschenmenge mitgerissen. Die Party for Socialism and Liberation folgte ihnen nervös.

Um 18 Uhr passierten Arbeiter*innen aus ganz Chicago die Loop. Büroangestellte und Dienstleistungsarbeiter*innen, die gerade Feierabend hatten, fanden sich entlang der improvisierten Route in einer stetig wachsenden Demonstration wieder. Als wir uns in Richtung Nordosten zum Trump Tower bewegten, wo wir uns an der Spitze der Demo befanden, schätzten wir, dass unsere Demonstration um einige Hundert Menschen gewachsen war. Als wir jedoch an einer an einem Gebäude angebrachten Nachrichtensendung vorbeikamen, wurde uns klar, dass wir unseren eigenen Erfolg unterschätzt hatten: Live-Aufnahmen aus einem Hubschrauber zeigten, dass die Straße über ein Dutzend Blocks lang mit Tausenden von Menschen gefüllt war. Wir befanden uns an der Spitze einer ungeplanten, nicht genehmigten Demo, die Tausende von Menschen umfasste und immer noch wuchs.

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»Fuck12!«

Schließlich erreichte die Demo die Michigan Avenue. Einige Demonstrant*innen, die sich an die Lage der ICE-Infrastruktur in der Innenstadt erinnerten, machten die Demospitze auf das Einwanderungsgericht in der 55 East Monroe aufmerksam und begannen, ›ICE ist in dieser Richtung!‹ zu skandieren, wobei sie auf die bevorstehende Abzweigung deuteten. Hunderte lösten sich von der Spitze, aber die Einfahrt zum Parkplatz des Gerichts war verbarrikadiert, und die Leute waren nicht bereit, dort einzudringen, sodass sich die Abspaltung weiter in den Loop hineinbewegte.

Als wir unter den Hochbahnschienen hindurchliefen, begann die CPD, Fahrradketten aufzustellen, um uns zurück in Richtung Millennium Park zu drängen. Auf dem Weg zur ersten Fahrradkette veränderte sich die Zusammensetzung der Spitze der Menge schlagartig: Militante, die mit Ausrüstung ausgestattet waren, die seit 2020 Staub ansammelte, drängten sich nach vorne und schlossen sich weniger gut ausgerüsteten Menschen an, die gerade von der Arbeit kamen, um die erste Fahrradkette der Polizei mit Gewalt zu durchbrechen, die CPD zu zerstreuen und Jubelrufe aus der restlichen Menge hervorzurufen. Zwei nachfolgende Fahrradketten brachen freiwillig zusammen, als sie mit der abgespaltenen Gruppe konfrontiert wurden.

Die endlosen Schlangenlinien, die darauf folgten – sich aufspaltend und wieder vereinigend, immer weiter voranschreitend auf der Suche nach einer Mission – erinnern an die Zeit nach Ferguson im Jahr 2014, bevor die ursprüngliche Black Lives Matter-Bewegung entscheidend vom Non-Profit-Industriekomplex eingeschlossen wurde. Nur dass diesmal die Demonstrant*innen mit dem Scharfsinn und der taktischen Ausrüstung aus einem Jahrzehnt Straßenkämpfen auf der ganzen Welt ausgestattet waren. Taktiken wie Gefangenenbefreiung waren für viele, die die jüngsten Kämpfe miterlebt hatten, selbstverständlich, und einige von ihnen konnten nicht verstehen, warum selbsternannte Radikale tatenlos zusehen sollten, wie ihre Mitstreiter*innen ins Gefängnis gebracht werden sollten. Alternativ gab es eine deutliche Kluft zwischen der Ausrüstung der Demonstrant*innen – von denen einige in voller Block- und Frontliner-Ausrüstung kamen, ausgestattet mit Gegenständen wie Laubbläsern, die nützlich sind, um Tränengas umzuleiten, das die CPD seit sechzig Jahren nicht mehr eingesetzt hat – und dem Inhalt der Demonstration selbst, die größtenteils eine Übung im kollektiven Jaywalking war. Diese angehenden Frontliner*innen waren auf der Suche nach einer Öffnung, die noch geschaffen werden musste. Die ambitioniertesten Teile der übrigen Proteste des Tages versuchten, diese Lücke zu öffnen.

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Nachdem sich die dritte Fahrradkolonne zurückgezogen hatte, wurden wir in eine Demo eingegliedert, die wir zunächst für den größeren PSL-Marsch hielten – die aber tatsächlich eine weitere Abspaltung war, die vom Außenbüro in Ida B. Wells vertrieben worden war. Die Organisator*innen der PSL- und FRSO-Gruppen versuchten, die Menge in einen großen Park zu führen, vermutlich um die Reihe von Reden zu beenden, die unsere autonome Demo unterbrochen hatte, aber wieder entschieden Hunderte von Menschen anders, und die Tausenden hinter ihnen folgten ihrem Beispiel, gingen am Park vorbei und nahmen beide Seiten des Lake Shore Drive ein. Auf dem Weg zur Autobahn beschmierten die Demonstranten CTA-Busse, die in der Menge stecken geblieben waren, mit Graffiti: ›FUCK ICE.‹ ›FUCK CPD.‹

Portland ist überall

Die wichtigsten organisierten Gruppen führten die Mehrheit der Teilnehmer*innen zurück zum Daley Plaza, wo sie eine ›Tanzparty‹ veranstalteten, um die Demonstrationen zu verzögern und die Menschen nach Hause zu schicken. Das funktionierte größtenteils, und die Zahl der Teilnehmer*innen schrumpfte. Aber ein paar hundert Menschen beschlossen, wieder zu laufen, mit dem Ziel, zum Einwanderungsgericht in der 55 East Monroe zu gelangen. Die Zusammensetzung dieses Teils der Demo unterschied sich vom Höhepunkt des Tages: Als die Sonne unterging, bestand die zum Einwanderungsgericht laufende Gruppe hauptsächlich aus jungen Latinos, unterstützt von Militanten und Menschen in Black-Bloc-Kleidung. Auf ihrem Weg durch das Herz des Loop machte diese Gruppe die zögerliche Militanz der ersten Demo des Tages wett. Als Reaktion auf eine der wenigen erfolgreichen Festnahmen der CPD umzingelten die Menschen einen Polizeiwagen, rissen dessen Hintertüren auf, um ihren entführten Freund zu befreien, wurden jedoch durch eine zusätzliche Metallbarriere aufgehalten. Es wurden Wurfgeschosse eingesetzt, und die Konfrontationen mit der Polizei wurden immer heftiger und übertrafen alles, was wir seit den Unruhen von 2020 in Chicago gesehen hatten. Die ganze Nacht über wurden Busse, Polizeiautos, Polizeiwagen und Teslas zertrümmert und mit Graffiti besprüht.

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Dies ist ein Impuls, der nur darauf wartet, sich zu entfalten. Los Angeles kippte von Protesten in einen Aufstand, indem es mit den üblichen Bedingungen brach, die diese amerikanischen Anti-Regime-Kämpfe diktieren – einseitige Anti-Trump-Unzufriedenheit, zielloser Antifaschismus oder sogar spezifische Anti-ICE-Agitation, die sich nicht zu einer allgemeinen Abneigung gegen alle Polizist*innen und die von ihnen aufrechterhaltene soziale Ordnung ausweitet. Die Klassen- und ethnische Geografie von Los Angeles sowie die für ihre Brutalität berüchtigten Polizei- und Sheriffbehörden trugen dazu bei, dass sich die Demonstrationen zu einer Revolte gegen die Polizei ausweiteten. Die vielversprechendsten Momente am 10. Juni gingen in Chicago in eine ähnliche Richtung. Ihr Erfolg wird sich in den kommenden Wochen daran zeigen, ob die spezialisierte Aktivist*innenszene Chicagos Kontakt zu den Tausenden von Menschen herstellen kann, die bereit sind, ihre Freund*innen mit allen ihnen notwendig erscheinenden Mitteln aus den Händen der Polizei und der ICE zu befreien.

Wir können diese fehlende proletarische Komponente nicht ersetzen, aber wir können dazu beitragen, die Voraussetzungen für ihr Entstehen zu schaffen. Taktisch gesehen bedeutet dies, Fähigkeiten und Wissen über Straßentaktiken zu verbreiten – Illustrationen von Straßenformationen, Tipps zum Bau von Barrikaden und Möglichkeiten, Fahrrad- und Bereitschaftspolizei-Absperrungen zu durchbrechen; wenn möglich, Workshops abzuhalten; und die Teilnehmenden zu ermutigen, ihre eigenen Freund*innen zu schulen. Einige technische Probleme, mit denen Demonstrant*innen konfrontiert sind, erfordern neue technische Lösungen – zum Beispiel die innere Barriere des Polizeiwagens. Anstatt sich übermäßig auf Ausrüstung und Geräte zu konzentrieren, die sie zu einer speziellen Gruppe von Demonstrant*innen machen, sollten angehende Frontliner*innen konkrete Informationen darüber zusammenstellen und weitergeben, wie bestimmte Gerätschaften oder Techniken zum Umgang mit Menschenmengen eingesetzt werden können, um dringende Probleme zu lösen, die durch bereits auf den Straßen entstandene Taktiken aufgeworfen werden.

Die Verbreitung spezifischer Informationen über ICE-Operationen in unseren Gemeinden kann dazu beitragen, die vorherrschende Ziellosigkeit zu überwinden. Dies könnte in Form von Flyern in Nachbarschaften in der Nähe von Abschiebungsinfrastrukturen, öffentlicher Bekanntgabe, wann und wo ICE-Beamt*innen ihre Arbeit aufnehmen, oder der Klärung des ungefähren Zeitplans für Entführungen, Überstellungen, Bearbeitungen, Transporte zu Haftanstalten und Transporte von Haftanstalten zu nahe gelegenen Flughäfen geschehen. Wenn möglich, sollten Orte an kritischen Punkten dieser Wege für Konfrontationen ausgewählt werden, die zu semi-permanenten Konfliktorten führen könnten, so wie das Bundesgebäude in Portland im Jahr 2020 zum Epizentrum des Kampfes wurde.

Taktisches Feingefühl und politisches Engagement, die für den unsicheren, aber absolut notwendigen Kampf gegen den Staat und seine Polizei nicht geeignet sind, werden nicht in der Lage sein, den aufkommenden Konflikt so zu beschreiben, geschweige denn zu erklären, dass die Beteiligten ihn verstehen können. Wir müssen Wege finden, um Taktiken mit radikalen Implikationen populär zu machen und gleichzeitig ihren politischen Inhalt so hervorzuheben, dass er für die alltäglichen Teilnehmer*innen des Kampfes verständlich ist. Der gegenwärtige Moment erfordert eine intelligente, taktisch scharfsinnige und strategisch klare Straßenmacht, die in der Lage ist, die Abschiebungsmaschinerie in Verbindung mit dem Aufstand in Los Angeles zu blockieren, damit sich die Funken auf Dutzende anderer Städte und Gemeinden ausbreiten können.

Sie wollen die Nationalgarde einschalten, ihre Reaktion eskalieren und die Menschen zwingen, zu Hause zu bleiben. Wir müssen bereit sein, ihnen mit derselben Entschlossenheit zu begegnen.


Übersetzung aus dem Buch USA – Dystopie und Disruption