Der Aufstand in Kolumbien: »Ein Beispiel dafür, was kommen wird«

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Ein Bericht und Interview über die Hintergründe der Revolte

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In den Straßen mehrerer kolumbianischer Städte kam es in den letzten zwei Tagen (9./10. September) zu heftigen Konflikten als Reaktion auf den brutalen Mord in Bogotá durch die Polizei an dem 43-jährigen Javier Ordóñez (einem Anwalt und zweifachen Vater). Ordóñez trank friedlich auf der Straße vor der Wohnung seiner Freund:innen, als die Polizei eintraf und ihn ohne Provokation schlug und 11 Mal mit einem Elektroschocker angriff. Als er im Krankenhaus ankam, nach dem er auf dem Polizeirevier weiter verprügelt wurde, war er bereits tot.

Ein Video, das von Ordóñez‘ Freund:innen aufgenommen und über soziale Medien verbreitet wurde, löste in Bogotá, Cali, Medellín, Bucaramanga, Popayán, Ibagué, Barranquilla, Neiva, Tunja und Duitama massenhaft Proteste aus. Allein in Bogotá wurden 56 Polizeinebendienststellen, die CAIs (Comandos de Atención Inmediata) genannt werden, beschädigt, die meisten von ihnen verbrannt. Obwohl in den Mainstream-Nachrichten von acht Menschen berichtet wird, die in der ersten Nacht von der Polizei oder Paramilitärs getötet wurden, zeigen Bilder am Donnerstag, dass 10 Personen getötet worden sind, von denen alle bis auf eine Person identifiziert werden konnten. Die Zahl der Verletzten variiert je nach Quelle. Die New York Times behauptete, dass weitere 66 in der Nacht vom 9. September Schusswunden erlitten hatten, mit insgesamt über 400 Verletzten.

Kolumbien hat eine intensive Geschichte gewalttätiger staatlicher und paramilitärischer Unterdrückung, die sich während der Pandemie nur noch verstärkt hat. Unter dem derzeitigen Präsidenten Ivan Duque, der weithin als eine Fortsetzung des korrupten Narko-Regimes des ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe angesehen wird, hat die kolumbianische Regierung es versäumt, ihre Seite der Friedensabkommen mit den demobilisierten Guerillakräften aufrechtzuerhalten, und Morde und das Verschwinden von Aktivist:innen, Dissident:innen und Revolutionär:innen haben deutlich zugenommen.

Im folgenden Bericht und Interview erkunden wir den Hintergrund und die Auswirkungen des jüngsten Kapitels einer globalen Welle von Aufständen gegen Polizei und staatliche Repression. Für weitere Informationen über die sozialen Kämpfe in Kolumbien und anderen Teilen Lateinamerikas, schau bei Avispa Midia und PASC, das Colombia Solidarity Accompaniment Project, vorbei – beide haben zu diesem Artikel beigetragen.

10. September 2020: 10 Menschen ermordet, Bogotá, Kolumbien. Gerechtigkeit, stoppt den Genozid!

Der Hintergrund: Der Paro Nacional 2019

Am 21. November 2019, inspiriert von der chilenischen Revolte und den Aufständen in Südamerika, gingen weite Teile der kolumbianischen Gesellschaft auf die Strasse. Die Proteste, die oft einen militanten Ton anschlugen und ungefähr einen Monat dauerten, waren nicht wegen eines bestimmten Missstandes, sondern eine Reaktion auf mehrere Faktoren, die das Leben in diesem vom Krieg zerrissenen Land unerträglich gemacht hatten. Duques Regierung versuchte, ein unpopuläres Paket von Sparmaßnahmen durchzusetzen; Student:innen forderten bessere finanzielle Mittel für die Bildung und die Morde an Aktivist:innen, Indigenen und Ex-Guerillas durch den Staat oder Paramilitärs hatten zugenommen.

Die monatelange Mobilisierung wurde als paro nacional oder nationaler Streik bezeichnet. Es war nicht so sehr die Dauer der Aktion, die Bedeutung lag mehr in der Tatsache, dass es das erste Mal seit Jahrzehnten war, dass es eine solche autonome Massenmobilisierung gab. Jahrelang war der militante Widerstand von spezialisierten, bewaffneten Guerillagruppen wie den FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee) und der ELN (Nationale Befreiungsarmee) monopolisiert worden. Der Streik stellte die Rückkehr der allgemeineren Konfrontation auf der Straße dar, die eine viel breitere Beteiligung ermöglichte.

»Die Polizei schützt uns? NEIN, die Bullen unterdrücken, verstümmeln, vergewaltigen und töten.«

Ein Jahr der Revolte in Südamerika

Kolumbiens paro nacional sollte im Zusammenhang mit den Bewegungen gesehen werden, die andere südamerikanische Länder zu dieser Zeit erschütterten. Während der chilenische Aufstand länger dauerte und in Bezug auf Selbstorganisation und Militanz weiter reichte, kam es 2019 in Ecuador, Peru, Bolivien und Paraguay zu ausgedehnten Protesten. In Bolivien führte ein komplexer und hochgeladener Konflikt zu einem blutigen Putsch der rechten Christen.

Wie in Kolumbien gab es mehrere langjährige Gründe für die Mobilisierungen. Lateinamerika hat jahrzehntelang unter astronomischen Raten von Gewalt und Ungleichheit gelitten – eigentlich seit Jahrhunderten. Dank der Sparpolitik wurde die Hauptlast der jüngsten wirtschaftlichen Stagnation vorsätzlich den am meisten an den Rand Gedrängten aufgezwungen.

Die Beispiele der Revolte in anderen südamerikanischen Ländern, wie auch in Hongkong und darüber hinaus, haben dazu beigetragen, den Monat des Protests in Kolumbien Ende letzten Jahres zu entfachen. Die neuen Taktiken, die in Hongkong und Chile populär gemacht wurden, spiegelten sich in der effektiven Anwendung der Primera Linea Schildblock-Taktik durch die kolumbianischen Rebell:innen wider.

Die Monate der Unruhen in Chile, die nur durch die Pandemie aufgehalten wurden, eröffneten einen inspirierenden Horizont für die Menschen in Südamerika (und rund um den Globus). Am anderen Ende der Skala ist der Alptraum, den Bolivien im letzten Jahr durchlebt hat, eine ernüchternde Erinnerung daran, dass politische Coups und offen rassistische Regimes eine genauso große Bedrohung darstellen wie eh und je. Es steht viel auf dem Spiel, wie die Kolumbianer:innen aus jahrelanger staatlicher und paramilitärischer Gewalt nur allzu gut wissen.

Ein Demonstrant in Bogotá benutzt eine Spraydose, um die Flammen einer brennenden Polizeistation am 10. September anzufachen. Foto von Nadège Mazars.

Pandemie, Wirtschaftskonflikt und Repression

Kolumbien wurde von der Pandemie hart getroffen – und auch von intensiven, militarisierten Quarantänen, gegen die die meisten Menschen aus ökonomisch bedingter Verzweiflung verletzen mussten. In einem Land, in dem die meisten Menschen ihren Lebensunterhalt in der informellen Wirtschaft verdienen müssen, wurden die Menschen sogar noch weiter kriminalisiert, weil sie das taten, was sie tun mussten, um zu überleben.

Das ohnehin schon turbulente, tägliche Leben wurde deutlich schlechter. Gräueltaten wurden fast völlig ignoriert. In einem Fall massakrierte der Staat 23 Gefangene im Gefängnis von La Modelo, weil sie gegen die miserablen Bedingungen und mangelnde Pandemievorsorge protestierten. Der Staat und andere bewaffnete Gruppen haben die Pandemie als Deckmantel benutzt, um die Repression gegen Organisator:innen und Widerstandsbewegungen zu verstärken. Auf die Frage nach dem aktuellen Aufstand sagte ein Anarchist in der Stadt Cali: »Das war schon eine Weile abzusehen. Massaker fanden fast täglich statt. Wir lassen uns das nicht mehr gefallen und wir sind auf der Straße und geben alles.«

Die Menge stellt sich am 9. September einem gepanzerten ESMAD-Fahrzeug in Bogotá.

Parallelen zur George Floyd-Rebellion

Während die internationale Solidarität mit dem Aufstand der USA gegen die Polizei schnell viele Teile der Welt erreichte, markiert dieser Aufstand in vielerlei Hinsicht das erste wirkliche Auftreten desselben Modells in einem anderen Land. Das Ausmaß und die Schnelligkeit der Reaktion in Bogotá auf den Mord an Ordóñez hat bereits in den Schatten gestellt, was in Minneapolis oder Kenosha geschah. Dies ist nicht ganz überraschend in einem Land von ungefähr der Größe und Bevölkerung Kaliforniens, in dem seit dem Friedensabkommen von 2016 971 Aktivist:innen, Menschenrechtsverteidiger:innen und Ex-Partisan:innen ermordet wurden.

Nach allem, was man hört, wurden die Proteste hauptsächlich von jungen Leuten angeführt – von den neun bestätigten Todesfällen in der Nacht vom 9. September waren acht der Verstorbenen zwischen 17 und 27 Jahre alt. Die Straßenkämpfer:innen richteten sich hauptsächlich gegen Polizei, Polizeidienststellen und Banken, aber die Zerstörungen waren ziemlich weit verbreitet.

Es bleibt abzuwarten, wie sich einige der spontanen Elemente der Proteste der letzten zwei Tage mit der organisierten Militanz verbinden werden, die sich im November und Dezember letzten Jahres entwickelt hat. In den USA sahen wir Aspekte sowohl der ersten Welle von Unruhen in Minneapolis als auch der ›Frontlinie‹-Organisationsformen, die sich in Portland entwickelten und Ende August ebenfalls in Kenosha auftauchten.

Einiges der Sprache, die in den Straßen Kolumbiens zu sehen ist, ähnelt auch der Sprache der Revolte, die mit dem Mord an George Floyd begann. Jenseits des mittlerweile allgegenwärtigen ACAB, das überall geschrieben steht, trugen die Demonstrierenden Schilder mit der Aufschrift »Die Polizei schützt uns nicht«. Eine zertrümmerte Straßenplakatwand wurde neu dekoriert mit der Aufschrift »Nichts ist mehr Wert als das Leben«.

Unglücklicherweise setzen die kolumbianischen Medien bereits ihre eigene Version der verleumderischen ›Agitator:innen von außen‹-Erzählung ein, die im Mai und Juni in den USA so zerstörerisch wirkte. Ein Bericht von RCN Noticias, einem kolumbianischen TV-Nachrichtensender, schürt die Angst vor hoch organisierten Straßengruppen unter der Leitung von Guerillakräften:

»Die Zerstörung von 56 CAIs war kein Fall von isolierten Vorfällen, sondern eine artikulierte Strategie, die im Voraus vorbereitet wurde und auf einen Auslöser wartete. Wir haben Einzelheiten über die bewaffneten Kollektive, ihre Vorbereitung auf den Angriff und ihre Rekrutierung von Jugendlichen in Oberschulen und Universitäten. Dieser Bericht… enthüllt eine Reihe von Zellen oder Nachbarschaftsgruppen hinter den gewalttätigen Protesten, die sich dem Chaos verschrieben haben und die von der ELN und den FARC-Splittergruppen gesteuert werden.«

Nach einer lächerlich paranoiden Erklärung der Bedeutung von ›ACAB‹, blenden sie zum kolumbianischen Verteidigungsminister Carlos Holmes Trujillo um: »Das hat einen internationalen Ursprung. Es hat einen internationalen Ursprung und richtet sich gegen die Polizei von Ländern auf der ganzen Welt«.

Genau wie sein US-amerikanisches Gegenstück dient diese falsche Erzählung dazu, den Protest in den Augen der Bevölkerung zu delegitimieren. In den USA hat sie die Bühne dafür bereitet, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung eine noch brutalere Phase der Polizeirepression akzeptiert. Mehr kolumbianische Jugendliche werden wegen der unverantwortlichen und unbegründeten Anschuldigungen dieser ›Journalist:innen‹ getötet werden.

Der Hauptaktionär des RCN ist der kolumbianische Milliardär Carlos Ardila Lülle, besonders verabscheut wegen seines Anteils an der Zuckerindustrie im Bundesstaat Cauca, wo viele indigene Nasa wegen ihres Widerstands gegen den Monokultur-Zuckerrohranbau, der in ihr Land eindringt, ermordet wurden. Lülles Reichweite erstreckt sich über Medien und Industrie hinaus auf politischen und narko-paramilitärischen Einfluss.

Es gibt kein koordiniertes internationales Komplott »gegen die Polizei von Ländern auf der ganzen Welt«. Wer könnte so etwas organisieren? Nur die extrem Wohlhabenden haben die Mittel, Leute zu bezahlen, die sich sonst nicht auflehnen würden – und sie versuchen, Bewegungen für Veränderungen zu unterdrücken, nicht sie zu katalysieren. Das Gegenteil ist der Fall: die Politiker:innen und die Polizei aller Regierungen der Welt koordinieren sich, um uns allen gewaltsam die kapitalistische Weltordnung aufzuzwingen. Es gibt keine geheime Kabale, die den Widerstand verschwörerisch organisiert – die Situation ist so schlimm geworden, dass als Antwort auf die Bedingungen, die den Menschen auferlegt werden, Aufstände ausbrechen. Wenn es Parallelen zwischen den Aufständen in verschiedenen Teilen der Welt gibt, dann einfach deshalb, weil die Unterdrückungsmittel so universell sind, dank der Homogenität der globalen herrschenden Klasse und der Strategien, die von denjenigen angewandt werden, die sie bilden. Die Polizei steht überall an vorderster Front dieser Unterdrückung.

Ein ausgebranntes und verwüstetes Polizeirevier in Bogotá, das in der Nacht des 9. September zerstört wurde.

10. September: Mehr Proteste

In der Nacht des 10. September gingen die Demonstrationen in Bogotá, Cali und anderen Städten weiter. Einem unabhängigen Medienaktivisten zufolge, der vor Ort in Cali war, mobilisierten die ESMAD (Mobile Anti-Riot Squadron), Carabineros, berittene Polizei und Militärpolizei schwer – eine untypische Gewaltdemonstration, insbesondere der Einsatz der Militärpolizei. Gerüchte über den zusätzlichen Einsatz von scharfer Munition gegen Demonstrierende haben sich noch nicht bestätigt, aber es gibt Fotos von Polizisten, die mit Pistolen auf Menschen zielen. Stunden nach dem Protest in Cali, der am 10. September stattfand, musste sich eine Gruppe von Demonstrierenden in das Universitätskrankenhaus flüchten, wo sie stundenlang von der Polizei umstellt waren. Sie wehrten sich tapfer. Bis 21 Uhr waren mindestens 32 Personen verhaftet worden, obwohl laut Medios Libres Cali nur sieben identifiziert werden konnten.

In Bogotá hatten Menschenrechtsorganisationen am 10. September um 22:30 Uhr 138 bestätigte Festnahmen gemeldet. Die Zahl wuchs während der ganzen Nacht. Obwohl weitere Polizeimorde nicht gemeldet wurden, beschrieben Quellen, die die Ereignisse auf Twitter dokumentierten, fortgesetzte Prügel, Verschwindenlassen und Folterungen von Demonstrierenden.

Es scheint unwahrscheinlich, dass die Unruhen in absehbarer Zeit nachlassen werden.

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Interview: Ein Anarchist aus Bogotá

Ein langjähriger Einwohner von Bogotá und Mitglied von PASC, dem Colombia Solidarity Accompaniment Project, gibt im folgenden ausführlichen Interview mehr Kontext.

—Was hat dazu geführt?

Der Hintergrund von den Ereignissen, die wir am 9. September und heute, am 10. September, in den Straßen von Bogotá gesehen haben, ist ein langjähriger sozialer Konflikt. Die Pandemie hat die bereits vorher bestehende Lage in Bezug auf Armut, Ausgrenzung, riesige Vorstädte voller Vertriebener… den bewaffneten Konflikt, der immer noch andauert, den Krieg gegen die Armen noch deutlicher gemacht. Der Krieg gegen die Campesinos durch Paramilitärs auf dem Land dauert immer noch an, also gibt es immer noch Wellen der Vertreibung von armen Menschen, die dann in den Vorstädten festsitzen. Normalerweise überleben die Menschen durch die informelle Wirtschaft… sie haben gerade sechs Monate damit verbracht, kriminalisiert zu werden, nur weil sie aus ihren Häusern gehen, um Essen zu kaufen. So sterben die Menschen buchstäblich vor Hunger; die Menschen waren in den letzten Monaten in einer unerträglichen Situation. Und die andauernde Brutalität der Polizei ist, wie an vielen anderen Orten der Welt, etwas, das die Menschen aufregt, besonders die armen Menschen, die ständig Repressionen ausgesetzt sind – die Gefängnisse sind voll von armen Menschen.

Das hat also definitiv etwas mit dem zu tun, was passiert ist. Am 9. September, um 4 Uhr morgens, trinkt ein Typ mit ein paar Freund:innen ein Bier auf der Straße, was illegal ist… dann kommt die Polizei und, laut seinen Freund:innen, sagt der Typ: »OK, gut, geben Sie mir einen Strafzettel, das ist in Ordnung, ich trinke ein Bier auf der Straße. Sie wollen mir einen Strafzettel geben, dann geben Sie mir einen Strafzettel«, und die Polizei antwortete: »Nein, heute gibt es keinen Strafzettel«, und sie fingen an, ihn zu verprügeln und ihn zu tasern. Laut der Autopsie haben sie ihn mindestens 11 Mal getasert. Schließlich brachten sie ihn auf die Polizeistation, wo er erneut verprügelt und schließlich ins Krankenhaus gebracht wurde. Als er im Krankenhaus ankam, war er tot.

Und dann, noch machten sie es noch schlimmer: als die Familie zu Hause war, mit der Leiche, Kerzen herausholte und ihre Zeremonien durchführte, ging die Polizei mit ihren Tasern in der Hand stolz vorbei. Diese Haltung der Polizei war also der Funken – Menschen fühlen sich unterdrückt, sie fühlen, dass ihr Leben nichts wert ist, und deshalb gingen die Leute gestern Abend auf die Straße.

Um 17 Uhr gab es einen ersten Aufruf. Viele Menschen versammelten sich um die Polizeistation. Die Haltung der Polizei war wirklich repressiv gegenüber den Menschen. So entwickelte sich die Situation zu Unruhen. Ungefähr 50 Polizeistationen wurden niedergebrannt. Die Polizei benutzte diese Ausrede, um das Feuer gegen die Menschenmassen zu eröffnen – so haben wir jetzt die Bestätigung von sieben Toten und 45 Verwundeten, mindestens 20 davon durch Kugeln. Ihnen wurde buchstäblich der Befehl gegeben, Menschen auf den Straßen zu erschießen. Zu schießen, um zu töten. Die Bilder, die wir in den sozialen Netzwerken sehen können, sind also wirklich beunruhigend: Bullen, von denen einige keine Polizeiuniform tragen, und andere Zivilist:innen, von denen man nicht weiß, ob sie Polizist:innen, Familien von Polizist:innen, Paramilitärs oder was auch immer sind, die auf der Straße hinter den Leuten her sind um sie zu erschießen.

Das ist das, was gestern Nacht bis in die Morgenstunden passiert ist. Im Moment ist es der 10. September; es gibt weitere Demonstrationen vor der Polizeistation, und einige Leute sind heute schon verhaftet worden.

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—Wie würdest du die Verbindung zwischen diesem Aufstand und der *paro nacional* vom letzten Jahr beschreiben?

Wir müssen also verstehen, dass es in Kolumbien seit sieben Jahren, seit zehn Jahren, einen andauernden Mobilisierungsprozess gibt… die letzte große Episode war ein Generalstreik im November 2019. Wegen des Jahresendes hörte er auf, aber er sollte im März 2020 wieder aufgenommen werden.1 Aber stattdessen saßen wir, wie die Menschen überall auf der Erde, wegen der Pandemie sechs Monate lang zu Hause fest. Es gibt also eine Menge Wut, es gibt eine Menge Zorn, die aus der Frustration des Gefühls kommt, das die Leute vor ein paar Monaten hatten. Und außerdem haben diese andauernden Mobilisierungen von Campesinos in den Städten eine bestimmte Art von sozialem Gefüge aufgebaut – die Nachbar:innen kennen sich also, weil sie den ganzen November und einen Teil des Dezembers hindurch jede Nacht zusammen mit Töpfen Krach geschlagen haben. Dieses soziale Gefüge war die Grundlage für die andauernde Mobilisierung, auch für das, was heute geschieht. Wir können also definitiv eine Verbindung und einen Aufbau aus diesen Situationen erkennen.

—Was war die Rolle der Antiautoritäten in dem Aufstand?

Es war wirklich interessant mit einigen der Mobilisierungen in den letzten Jahren und besonders die letzte, der Streik – es ist nicht nur das, was wir hier die ›organisierten‹ Leute nennen, die auf die Straße gehen. ›Organisiert‹ bedeutet, in einer anarchistischen Föderation zu sein, in einer Gewerkschaft, in einer Campesino-Organisation, in einer der großen sozialen Bewegungen, die in Kolumbien aktiv sind. Es übersteigt diese Kategorien. So siehst du deinen Nachbarn, der nie etwas organisiert hat, der nur irgendwie gegen Ungerechtigkeit ist und sich den Protesten anschließt, die früher nur aus Aktivist:innen bestanden. Es war interessant zu sehen, wie sich das geändert hat, in Bezug auf die Art von Leuten, die auf die Straße gehen – und auch verschiedene Leute, die zusammen arbeiten, Antiautoritäre und Leute aus sozialen Bewegungen, indigene Bewegungen, und: das alles zusammen zu sehen. Im vergangenen Monat haben sich trotz der Pandemie die indigenen Bewegungen, die Campesino-Bewegungen und die Student:innenbewegungen zu einem Marsch für die Würde zusammengeschlossen – 50 bis 100 Menschen sind seit zwei Wochen aus verschiedenen Regionen in Richtung Bogotá unterwegs. Das zog eine Menge Unterstützung von vielen Menschen an. Es war ein weiteres Element im Hintergrund.

Eine Menschenmenge am 9. September.

—Siehst du einen Zusammenhang zwischen diesem Ereignis und der Anti-Polizei-Revolte in den USA, die im Mai begann?

Wir können definitiv eine Verbindung zwischen der Revolte hier und der Revolte, die wir in den Vereinigten Staaten verfolgt haben, sehen. Offensichtlich ist es ein wichtiger Kampf rund um den systemischen Rassismus in den Vereinigten Staaten und was er für die Schwarzen bedeutet. Black Lives Matter und der ganze Sinn dieses Kampfes in den Vereinigten Staaten ist nicht direkt auf Kolumbien zu übertragen, auch wenn wir sehen können, dass diejenigen, die am meisten von der Tötung sozialer Führungspersönlichkeiten und von der Welle der Massaker, die wir auf dem Land in Kolumbien gesehen haben, betroffen sind, Indigene und Schwarze Gemeinschaften sind. Gemeinschaften, die organisiert sind, die eine andere Art haben, das Leben zu sehen, die Gemeinschaftsbindungen haben und ein anderes Projekt im Leben haben, das nicht der Kapitalismus ist. Es gibt also Verbindungen und es gibt Unterschiede.

Aber ich denke, das Hauptproblem ist, dass die Pandemie nur ein weiteres Beispiel ist, das bestätigt, warum die Menschen dieses System nicht mehr ertragen können, und die Menschen lehnen sich wirklich gegen diese Unterdrückung auf. Das ist die Hauptverbindung, das ist es, was man lernen kann, das ist es, wo wir Brücken bauen können in Bezug auf Fragen wie: von welcher Welt träumen wir? Können wir träumen, können wir eine Welt bauen, in der wir keine Gefängnisse brauchen? Können wir eine Welt bauen, in der wir den Staat nicht brauchen? Das sind die Art von Fragen – und das ist die Basis, von der aus wir diese Brücken zwischen den Kämpfen in den Vereinigten Staaten und dem Rest Amerikas bauen können, zusammen mit den Kämpfen der indigenen und Schwarzen Community.

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—Welche Rolle haben paramilitärische Gruppen bei der Repression gespielt?

Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien dauert immer noch an. Im Grunde genommen hatte der Hauptkrieg gegen die Bevölkerung nicht so viel mit den Guerillas der FARC zu tun – der Krieg ist eigentlich ein Krieg des Staates gegen die eigene Bevölkerung, gegen sein eigenes Territorium, denn viele Gemeinschaften haben eine andere Lebensweise. Sie wollen nicht vom Staat abhängig sein, sie wollen territoriale Autonomie haben, sie wollen ihre eigene Wirtschaft haben, die keine kapitalistische Wirtschaft ist. Es gibt also einen andauernden Krieg gegen diese konkret existierenden Projekte.

Und dieser Krieg spielt sich durch legale Maßnahmen ab – es gibt eine legale Umrahmung – Menschen werden verhaftet und inhaftiert, es gibt politische Gefangene, Menschen werden von der Polizei unterdrückt. Aber der Paramilitarismus ist eine Strategie, die der Staat schon immer als Mittel benutzt hat, um Terror auf dem Land zu verbreiten und Genozid an indigenen Menschen und auch an ihren Projekten, an diesem sozialen Gefüge, zu begehen. Das soziale Gefüge selbst ist das militärische Ziel der paramilitärischen Strategie. Das ist etwas, das seit so vielen Jahren so tief in die kolumbianische Gesellschaft eingewoben ist, dass wir nicht einmal überrascht waren, als wir gestern Abend Zivilist:innen sahen, die sich offen mit Waffen der Polizei anschlossen und ihnen halfen. Denn paramilitärische Aktivitäten sind so lange in der Praxis des Militärs und der Polizei Kolumbiens verankert, dass beide grundlegend miteinander verbunden sind.

—Was bedeutet dieser Aufstand im größeren Kontext der sozialen Bewegungen in Kolumbien und Südamerika?

Mehrere große Organisationen haben geplant, wie sie die Rückkehr des Generalstreiks organisieren können. Eigentlich für den 21. September. Also diese Unruhen, dieser Aufstand – es ist interessant, dass er in dem Moment eintrifft, an dem alle, die während der Pandemie ruhig blieben, auch wenn die Situation offensichtlich unerträglich war, etwas vorausahnten. Für Menschen, die in den letzten Wochen obdachlos geworden sind, ist das Elend, zu dem ein großer Teil der Gesellschaft verurteilt ist, völlig unerträglich. Also haben alle gewartet, auf einen großen Aufstand gewartet. Er ist ein Beispiel für das, was noch kommen wird.

Er ist ein Beispiel dafür, was in Kolumbien kommen wird, aber er ist auch ein Beispiel dafür, was im Rest von Südamerika kommen wird. Brasilien ist in einer schrecklichen Situation. Wir haben gesehen, was in Argentinien passiert, wo die Polizei gestern, am 9. September, versucht hat, eine Art Putsch durchzuführen. Man kann also sehen, dass es eine Art sozialen Konflikt gibt, der wächst, und das hat damit zu tun, dass dieses Wirtschaftssystem uns nicht das geben kann, was wir brauchen. Nun, das bedeutet nicht, dass die Ergebnisse des Aufstandes und des Kampfes Frieden und Anarchie sein werden… es könnte leider auch Faschismus sein. Aber es ist ein Kampf, der stattfinden muss, es ist ein Kampf, der nicht nur durch einen Aufstand stattfinden kann, er muss auch durch die Entwicklung des sozialen Gefüges stattfinden, durch die Herstellung von Verbindungen, durch den Aufbau verschiedener Arten von Projekten, verschiedener Alternativen, von denen wir viele bereits haben, während andere noch geschaffen werden müssen.

Um nur einige Beispiele von inspirierenden Dingen zu nennen, die während der Pandemie geschehen sind: Campesino-Organisationen haben autonom organisiert mehrere Tonnen Lebensmittel in die armen Viertel von Bogotá und anderer Städten geschickt. Wir haben ähnliche Beispiele in anderen Teilen Südamerikas gesehen. Und zum Beispiel haben sie in einigen dieser Regionen ihre eigenen Sicherheitssysteme – sie haben also ihre eigenen, allerdings unbewaffneten, Wachen. Dies war lange Zeit ein Vorschlag der Gemeinschaften, um die Polizei zu ersetzen, um zu sagen: ihr wisst schon, wir brauchen keine Polizei, die vom Staat kommt – wir haben unsere eigene Gemeinschaftsstruktur, um die Sicherheit zu gewährleisten. Die ganze Idee der Wachen, die aus der Perspektive der Indigenen kommt, ist völlig anders. Sie haben einen Stock, aber dieser Stock wird nie benutzt, um jemanden zu verprügeln; es ist ein Stock, der kollektive Autorität repräsentiert, er wird jemandem gegeben und kann von dieser Person genommen werden. Es ist eine Autorität, die man jemandem gibt, damit diese Person vorübergehend ein:e Wächter:in ist, aber die der Person jederzeit wieder entzogen werden kann, und das ist eine kollektive Verantwortung, damit der Gemeinschaftsschutz funktioniert. Wir haben also indigene Wächter:innen, wir haben die Guardia Cimarrona, die Wächter:innen der Gemeinschaft der Schwarzen, und eigentlich, was man die Primera Linea nennt, die Frontlinie, junge Leute, die bei den Student:innendemonstrationen und dem Streik Schutzlinien gebildet haben. Sie waren im letzten Monat in einem Austausch mit den Wächter:innen aus den ländlichen Gebieten, damit alle diese Perspektive verstehen, um sie in den Städten anzuwenden.

Die Menschen beteiligen sich also nicht nur an einem Aufstand, die Menschen kämpfen nicht nur gegen das System – sie stellen sich auch etwas vor und schaffen neue Wege und neue Perspektiven für eine andere Art von Gesellschaft. Trotz der Wut, die ich im Moment über all die schrecklichen Dinge empfinde, die wir in den letzten Stunden, aber auch in den letzten Wochen gesehen haben – ich habe nicht mitgezählt, aber in den letzten anderthalb Monaten haben wir so ungefähr 15 Massaker erlebt, 60 Menschen wurden von Soldat:innen oder Paramilitärs in ländlichen Gegenden abgeschlachtet – die Welle der Gewalt kann einen zur totalen Verzweiflung bringen, aber wir sehen, dass es inspirierende Beispiele für Anarchist:innen und Antiautoritäre gibt, oder für alle, die eine Welt ohne Unterdrückung und ohne Staat sehen wollen, es gibt Dinge, die uns mit Hoffnung erfüllen.

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Weiterführende Lektüre

Introduction to Anarchism and Resistance in Bogotá – Eine Zusammenfassung des Kontextes der sozialen Kämpfe in Bogotá vor anderthalb Jahrzehnten, geschrieben von Besucher:innen aus den Vereinigten Staaten.


Übersetzung von SchwarzerPfeil, von uns überarbeitet

  1. Im März 2020 sollte auch in Chile eine neue Phase des Aufstands eröffnet werden.